Samstag, 2. April 2016

Theaterkritik: Lola und die Philosophie der Gier. Eine fulminante Fassbinder-Lesung mit Harry Baer und Axel Pape


von Axel Reitel
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Harry Baer und Axel Pape: Fotograf: Florian Lein
Bar Jeder Vernunft. 11. Juni 2015. Zwei Stühle. Ein Tisch. Ein Mikrophonständer. Ein fossiles Tonbandgerät, von dem unerwarteter Weise Klang-und Stimmschnipsel aus der deutschen Vergangenheit erklingen. Derart wurde das Publikum auf die szenische Lesung mit Harry Baer und Axel Pape eingestimmt. Gelesen werden sollte aus dem Drehbuch des Fassbinderfilms „Lola“. Als der Film 1981 in die Kinos kam, galt er als Ereignis. Das Tonband rief mit alten Nachrichten jene Vergangenheit auf den Plan. Es mühte sich. Sonst blieb die Bühne leer. Das ging so einige Minuten und der Kritiker dachte mit Benno Besson: Ein Theater ohne größere Ausstrahlung finde ich nicht gesund. Mit dem Auftritt endlich von Harry Baer und Axel Pape, flohen alle Bedenken hinweg. Das Stück gibt die lebhafte ewige alte Mähr von Gleichgültigkeit und Geld. Daraus machte Wedekind schon „Lolas“ Seelenverwandte „Lulu“.
Auch „Lola“, von den Autoren des Drehbuchs - Peter Mertesheimer und Pea Fröhlich - in eine bayerische Kleinstadt verortet, wird vom sündigen Sinnenreigen der Herren der Stadt als Edelnutte gleichermaßen hofiert wie missbraucht.Sowas gab es sogar in echtund zwar in den 1980er in Berlin (West). Da besaß der bekannte Abgeordnete L.eine eigene Suite in einem Puff auf der Kurfürstenstraße. Ein brisantes Stück also - aber zu lange her? Der Skandal um jenen französischen Politiker und dem afrikanischen Zimmermädchen liegt erst wenige Jahre zurück; vor allem aber geht es um den dargebotenen Abend mit zwei ganz hervorragenden Schauspielern, die es nicht nur mit Bravour verstanden, einem den schändenden Figurenreigen um Lola plastisch vor Augen zu führen.
Beide Schauspieler präsentierten den Inhalt darüber hinaus als Gespann im Widerstreit, was in Eigenregie entstand und also nicht zum Drehbuch gehörte. Genau damit aber fügten sie neben der Ebene des Stoffs und der Ebene seiner Vergangenheit die dritte Ebene ein, nämlich der kritischen Gegenwart. Das ist auch eine einnehmende Art Mauern einzureißen, um weiter zu können. Und in dieser Richtung ging es denn auch aufs Feinste weiter.Beide gruppierten unerbittlich dieeinzelnen Szenen in kleinere und größere aber stets greifbare Bilder. Weder kam ein Abservieren der Handlung auf, noch war es das bloße Nachbauen einer handfesten Geschichte.Vielmehr erlebte das Publikum eine einzigartige Wirkung, die auf überzeugende Weise allein von den beiden beteiligten Schauspielern ausging. 
Harry Baer brillierte [zudem] mit spannenden Anekdoten aus seiner Zeit als Akteur in Fassbinders Drehstab. Zu diesem gehörte weiland auch der heutige Weltstar Armin Müller-Stahl, für den es immerhin die erste Rolle nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik war. Auf die Frage nach dem Geheimnis guter Schauspielerei, sagte Müller-Stahl einmal, es wären die Pausen. Dieser Anforderung nun zeigte sich Axel Pape vollkommen gewachsen. Als kongenialer Part beeindruckte er zudem mit einem wohl eher selten gewordenen Facettenreichtum. Zwar ist auch dasStück „Lola“nach dem Leben geschrieben, keine Frage, da geht es um die ganz reale, keine Leichen scheuende Gier nach dem immer süßen Leben. Dagegen ist die Aufgabe der Sprache eines Stücks wie seiner Schauspieler der „Triumph über die Realität“. Und genau das ist Harry Baer und Axel Pape mit ihrer wunderbaren szenischen Lesung in der „Bar jeder Vernunft“ auf das Vortrefflichste gelungen.

Weitere Termine unter www.lola-lesung.de

10 Fragen an Harry Baer und Axel Pape anlässlich des gemeinsamen Programms einer szenischen Lesung desDrehbuchs des erfolgreichen Fassbinder-Films „Lola“.

1. 
Welche Spuren hat Fassbinder für Sie beide als Anreger und Sinngeber hinterlassen? 
Axel Pape:
Z.B. Katzelmacher, Händler der vier Jahreszeiten, Acht Stunden sind kein Tag und Lola. Ich glaube, dass haben wir als Jugendliche instinktiv verstanden. Damit hat Fassbinder bei uns wahrscheinlich mehr erreicht als bei manchem Filmkritiker - und Jugenderinnerungen bleiben natürlich...

Harry Baer:
Er hat mein Leben total verändert, sonst wär ich heute pensionierter Lehrer in Dingolfing.

2. Könnte man sagen, dass Sie mit Ihrer Lola-Lesungauch eine Chance sehen,beim jungen Publikumgerade ein neues Verständnis für Fassbinder anzukurbeln?
Axel Pape:

Wenn man nach den Publikumsreaktionen geht, ja. Ein junges Mädchen hat gesagt: Sie habe von Fassbinder keine Ahnung und sie fände „so was (Lesungen) eigentlich langweilig, aber das (unser Abend) war voll gut, echt klasse“.
Harry Baer:
Das Verständnis für die immer gleich bleibenden Probleme ist die Chance und Humor natürlich. 

3. 
Gab es für Fassbinder - und auch für Sie - eine womöglich auch nur fiktive – Zielgruppe - etwa eine assoziative Öffentlichkeit?Oder geht von Fassbinder noch eine andere Linie aus, die sich bis heute fortsetzt? 
Axel Pape:
Ich weiß nicht, wie es bei Fassbinder war, aber ich würde als Zielgruppe niemand ausschließen. Unser Premieren-Publikum war ja ein guter Querschnitt und ist sehr gut mitgegangen. Die verbindende Linie ist wahrscheinlich eine gute Geschichte und sich zu bemühen, sie gut zu erzählen.

Harry Baer:
Fassbinder hat Filmgeschichte geschrieben, ohne an Zielgruppen zu denken.

4. Unter anderem offenbart ihr Programm, wie sehr Fassbinder seinen Schauspielern auchdie Freiheit ließ,eigene Ideen umzusetzen, in die Figur einzubringen, unter anderemanhand einiger bezaubernden Anekdoten um den Schauspieler Mario Adorf, der den zu Geld gekommenen Proll Schuckert quasi noch einmal selber erschaffen hat. Ist das eine gewisse Ausgleichsbewegung zwischenRegie und Schauspieler gewesen? 


Harry Baer:

Ja,nicht nur bei Mario Adorf, das war allen die Ausgleichsbewegung.

Axel Pape:

Und Fassbinder hat wahrscheinlich ein gutes Händchen für seine Besetzungen gehabt...

5. 
Könnte man sagen, dass für alle Beteiligten der Filme Fassbinders diese Zeit nicht ohne die Beobachtung aktueller politischer Konflikte verlaufen ist? 
Axel Pape:

Ich glaube, dass die Menschen politische oder gesellschaftliche Konflikte zwangsläufig beobachten, weil sie schwer zu übersehen sind, in jeder Epoche. 

Harry Baer:

Natürlich nicht.

6. 
Der Film „Lola“ kam im Jahr 1981 ins deutsche Kino. Die Jahre 1980/81 selbst waren dominiert vom Afghanistan-Konflikt, von der Teheran-Kontroverse und der aufgrund der geplanten Stationierungder Mittelstreckenraketen erstarkten Friedensbewegung. Der Film aber versetzte das Publikum in das Jahr 1957, in eine bayerische Kleinstadt, in der eine Hand die andere wäscht, wogegen fatalerweise am Ende kein Kraut gewachsen ist. Er führt also an die Wurzeln zurück und rührt kräftig an neu-tradierte Gründungsmythen. Hat Sie beide da am Ende eine gemeinsameGrundeinstellung zusammengeführt? Wie haben Sie sich kennengelernt?
Axel Pape und Harry Baer
Ich denke, da sind wir nicht die einzigen, die sehen, dass bestimmte Strukturen damals wie heute vorkommen. Wenn sie heute Bauskandal im Netz eingeben, finden sie die gleichen Szenarien wie damals bei Lola: Geld, Gier, Korruption und Girls... Also, diese gemeinsame Beobachtung teilen wir wahrscheinlich mit vielen.

7. Lieber Herr Baer, wie ist Ihre Zusammenarbeit mit Fassbinder zustande gekommen? 
Harry Baer:
Ich kam 1969 als Schulbandschlagzeuger zum antiteater und daraus sind vierzehn Jahre Filme machen geworden.

8. Was hatte Fassbinder die Freiheit für die Umsetzung seiner Filme gegeben? Hat er am Ende nie mit der Bundesrepublik als ernst zu nehmendes demokratisches Land gerechnet? In den Figuren und im Milieu war dieses Land ja drin. Oder wie viel Bundesrepublik war tatsächlich in seinem Filmen? 
Harry Baer:
An Wiedervereinigung war zu dem Zeitpunkt nicht zu denken. Wir konnten nur über die Bundesrepublik denken und schreiben.

Axel Pape:
Das war für uns ja das spannende, unser Land durch eine neue Brille zu sehen. 

9. Außerhalb von Fassbinder gab es ja viel Bestätigungs-Kino einer sich nolens volens heilenden Welt. Würden Sie beide - oder jeder für sich -sagen, dass es eine besondere Qualität Fassbinders war, unter ganz eigenen Bedingungen eine eigene – vielmehr die wirkliche Wirklichkeit spiegelnde - Filmsprache hervorgebracht zu haben? 
Harry Baer:

Ja. Die besten Beispiele sind Katzelmacher und die darauf folgenden Filme.

Axel Pape:

Klar. Da wurden Wahrheiten versucht zu treffen, die in anderen Filmen nicht vorkamen.
Aber dabei war es immer auch menschlich und sogar humorvoll.

10. Hat es vorher Vergleichbares gegeben?

Harry Baer:
Nein.

Axel Pape:
Nein.

Ich danke Ihnen für das Interview.

Buchkritik: Das „erstaunliche Wort von der ‚deutschen Chance‘“. Der Mann Otto Klepper



Das „erstaunliche Wort von der ‚deutschen Chance‘“. Der Mann Otto Kleppervon Axel Reitel




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Astrid von Pufendorf
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Wir schreiben das Jahr 1947 und Otto Klepper - ehemaliger Finanzminister der Weimarer Republik und nach der Machtergreifung der Nazis Emigrant -, sprach es als erster in der noch anwesenden Trümmerwelt für das geschlagene Deutschland aus. Die promovierte Autorin Astrid von Pufendorf legt nun ein lesenswertes und faszinierendes Buch über das Scheitern dieses beeindruckenden und weltweit geachteten Wirtschaftsarchitekten vor. Zugleich verschafft das Buch der Leserschaft einen nachvollziehbaren Überblick über die Gründe und Abgründe deutscher Wirtschaftsgeschichte vom Deutschen Reich bis in die Bundesrepublik der 1950er Jahre.
Jahre vor 1933 hatte Klepper seine Stimme gegen Rechtspopulisten und Nazismus erhoben. Im Jahr 1938 wurde er Mitbegründer Exil-Zeitschrift "Die Zukunft", in der er die künftige deutsche Politik nach dem Nazireich schreibt. Zitat: "Wir wollen aber in die künftige deutsche Politik einen Zug tragen, der unser Volk zur europäischen Freiheit führt. Schwache Seelen glauben nicht an das Gelingen, sondern bezeichnen uns als Utopisten." 
Die Nationalsozialisten haben ihn derart gehasst, dass sie ihn mit immer wieder gestellten Auslieferungsanträgen „durch die ganze Welt hetzten“. Am Ende hat die Geschichte ihm und seinen vielen Mitstreitern Recht gegeben.
Nach dem Krieg aber war Otto Klepper zwar weltweit gut angesehen und besaß beste Kontakte nach Frankreich, England und den USA. Doch sollte am Ende ausgerechnet in Deutschland - das ihm viel, sehr viel zu verdanken hat - sein „Schatz von Erfahrungen, Wissen, Urteil und sein Charakter…ungenutzt“ bleiben. Warum war das so? Das interessiert mich.
Es ist eine alte Geschichte, die „unweigerlich“ an den Punkt der Schuld und zu den Möglichkeiten der Wiedergutmachung und der Aussöhnung führt. Zwar blieb Otto Klepper durch die Machtergreifung gar kein anderer Weg als den in die Emigration - doch waren nach 1945 die im Reich Dagebliebenen vor allem und in erster Linie um ihre eigene Zukunft besorgt. 
Bei dieser (spannend beschriebenen) Jagd nach Pöstchen und Posten wurden gerade die Emigranten „im Allgemeinen“ als störend empfunden. Das lag weniger als vermutend etwa an moralisch sauberen Lebensläufen – von denen wollten die wenigsten etwas hören – sondern der nicht identische - der andere – Stallgeruch (der zum Gegenangriff blasen lässt).
Und so spielt es im Grunde gar keine Rolle - wie im Buch zu lesen -, ob Otto Kleppers gute Eigenschaften von den hugenottischen Ahnen herrühren. Sehr wohl aber, dass fast jedes Mal Kollaboration „so ausgezeichnet“ klappt, der Widerstand sich dagegen stets langsamer entwickelt, und nach der Niederlage „die Problematik“ im großen Stil unverarbeitet bleibt. Für den Rezensenten ist es das versteckte Thema des Buches: nämlich der Weg eines Protagonisten trotz großartiger – gesellschaftsrelevanter - Lebensleistungen am Ende in die „Vereinsamung“ und Wissen um die „tragische Vergeblichkeit um sein Tun seit 1947“. Oder wurde Otto Klepper gar, wie Stimmen im Buch es behaupten, im Stalins Namen ermordet? Wundern würde es nicht aufgrund tatsächlicher Mordfälle und Mordversuche, die auf das Konto von KGB und MfS gehen.
Es hätte auf jeden Fall ein glanzvolles Leben sein können, wenn man ihm gegenüber schon einmal zu Hause dankbarer gewesen wäre. Denn allein die Gründung der der WIPOG („Wirtschaftspolitische Gesellschaft von 1947“) war ohne wenn und aber ein Geniestreich, der Westdeutschland obendrein das Schönste beschert hat: das Wirtschaftswunder. Weiterhin hätte es ohne die WIPOG keine FAZ gegeben, deren geistiges Kind sie in ihren Anfängen ist. Nach der ersten Ausgabe der FAZ im September 1949, begann ein schwieriges erstes Jahr, in dem um vieles gerungen wurde und am meisten wohl um die Neubelebung eines einheitlichen Nationalgefühls. Das bedeutete für die Gesellschafter der FAZ: strikt abseits „einseitiger Standpunkte“ und gerade heraus der „Bildung einer neuen Einstellung“ zu dienen, “in der sich das ganze deutsche Volk zusammenfinden könne.“ 
Dass sich das ganze deutsche Volk im Herbst 1990 - vierzig Jahren später – zusammenfand, war vielleicht spät, zu spät war es nicht. Es hat in diesen vier Dekaden immer wieder den Versuch gegeben, mit viel Sein und Schein „wieder wer zu sein“ zu sein. Aber es hat sich auch einiges durch die neuen Sichtweisen und Einsichten der Nachfolggenerationen abbauen können.
Dass das Wirtschaftswunder eine Diskussion über die braune Vergangenheit nicht gefördert hat, liegt heute ebenso auf der Hand, wie sich für die aus demselben braunen Sumpf hervorgegangene DDR jener Vergangenheit durch das einmalige Großreinemachen der Waldheimer Prozesse 21. April bis zum 29. Juni 1950 erledigt hat. Das war freilich nur „nach außen hin“. Noch im Jahr 1954 waren „27 Prozent aller Mitglieder der DDR-Regierungspartei zuvor in der NSDAP und deren Gliederungen“ (DER SPIEGEL 24.9.2012).
Es durfte darüber geschwiegen werden. Für den „gemeinsamen“ Aufbau des Sozialismus als Übergang zu Kommunismus durfte es vor allem „keine Fehlerdiskussionen“ geben. Die Devise hieß „nach vorne diskutieren“. Damit war einem hoch-ideologischen Konsensualismus der Weg geebnet, dem u.a. mit Margit Honecker als Bildungsministerin im SED-Staat eine langjährige BDM – Führerin vorstand, die noch im Frühjahr 1989 auf dem DDR-Pädagogen-Kongress ihr Wort dafür erhob, mit der Waffen in der Hand gegen die vorzugehen, die aus der Reihe tanzen. 
Dass die DDR auf diesem Weg „in die nächste Diktatur rein marschiert ist und zwar mit Karacho“ (Henry Leide), ist eine bittere Geschichte vor allem für die Abertausende Opfer dieses Regimes (zu denen womöglich also auch Otto Klepper gehört). Dass sich dagegen die Bundesrepublik zu einer blühenden Demokratie entwickeln konnte, haben wir auf jeden Fall Über-den-Tellerrand-Denkern wie Otto Klepper zu verdanken. 
Dennoch habe Klepper, heißt es im Buch resümierend, zwar stets in die Zukunft gedacht, manchmal aber (wichtige) Kleinigkeiten übersehen. Gerade das ist das Schicksal tragischer Helden. Und auch er - Otto Klepper - war natürlich vergänglich wie Achilles.

Wir haben ihm zu danken.

Und der Autorin auch.

Astrid von Pufendorf. Mut zur Utopie. Otto Klepper – ein Mensch zwischen den Zeiten. Societäts-Verlag 2015, 373 Seiten, 14,80 Euro. ISBN 978-3-95542-118-2

Buchkritik: Hilfsschule Bixley I-II. Frank-Wolf Matthies famose Übersetzung des späten Ivan Blatný

von Axel Reitel


Als der Schriftsteller Milan Kundera im Jahre 1981 vom Journalisten Jürgen Serke auf dem Slawisten-Kongress in Philadelphia einen Gedichtband von Ivan Blatný (21. Dezember 1919 in Brünn - 5. August 1990 in Colchester) in die Hand gedrückt bekam, begann er zu schwärmen: „Den musst du besuchen. Wenn du wissen willst, wie phantastisch tschechische Lyrik in den vierziger Jahren war, dann wirst du es bei ihm erfahren. Einer der großen. Und Momente dieser Größe findest Du in diesem Band.[1]

Zu dieser Zeit lebte Ivan Blatný bereits seit drei Jahrzehnten zurückgezogen in einerpsychiatrischen Anstalt, dem „Warren House“ im St. Clemen's Hospital, bei Ipswitchtown, in England. Im Jahre 1948 hatte sich Blatný in London von einer tschechoslowakischen Delegation abgesetzt, um den geahnten stalinistischen Säuberungen in der Heimat zu entgehen.

Und Ivan Blatný sollte Recht behalten. Beispiel liefernd in Erinnerungen zu bringen wäre an dieser Stelle der Historiker Záviš Kalandra, dem in Prag ein Schauprozess gemacht wurde, bei dem von vornherein feststand, dass man am Ende den „Angeklagten“ aufhängen würde.

Ein weiteres Vernichtungsmittel gegen ihre vermeintlichen politischen Gegner, war für die an die Macht gelangten kommunistischen Putsch- Spezialisten schließlich deren Entführung aus dem Ausland. Ein Gutteil dieser Entführten wurde im Auftrag von Partei und Geheimdienst nach der „Rückführung“ dann auch tatsächlich umgebracht.

Dass Ivan Blatný auch seine eigene Entführung zu Recht befürchtete, legen die Akten der tschechischen Staatssicherheit nahe. Aber wo konnte er sich jetzt sicher vor dem Zugriff verbergen? Als Ivan Blatný als Zufluchtsort schließlich eine „Klapsmühle“ wählte, ging sein Plan zumindest soweit auf, dass tatsächlich die halbe Welt von einmal glaubte, er sei „verrückt“ geworden. Zu seinem Leidwesen ging aber auch das Anstaltspersonal im „Warren House“ davon aus.


Was Ivan Blatný fortan hinter den Anstaltsmauern schrieb, wurde ihm von den Wärtern im Warren-House Personal weggenommen, um es als das Geschreibsel eines Nicht-Zurechnungsfähigen wegzuschmeißen. Dies änderte sich – welch wundersame Fügung – mit einem Schlag im Jahre 1976.

Zu dieser Zeit war Ms. Frances Meacham als Krankenschwester tätig. Durch einen Angestellten kam ihr die Liste der Insassen des „Waren House“ in die Hände. Dabei machte sie der Name Ivan Blatný aus einem höchst erklärlichen wie schicksalhaften Grund hellhörig.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatte Frances Meacham eine Liebesbeziehung mit einem tschechischen Piloten, der in der englischen Luftwaffe gegen Nazideutschland kämpfte. 

Diese Beziehung zerbrach zwar nach dem Krieg, doch besuchte Ms. Meacham die CSSR immer wieder. Dieser Ivan Blatný, sagte sie sich, muss ein Tscheche sein. 

Sie besuchte Ivan Blatný im „Warren House“ und bekam von ihm am Ende ihres Besuchs einen Packen Zettel mit der Bemerkung in die Hand gedrückt, die würden sonst doch nur „vom Wärter“ weggeworfen.[2] Sie erkannte sofort, dass sie kein Geschreibsel eines Geisteskranken sondern hohe Dichtkunst las. 

In der Folge sorgte Ms. Meacham mit Erfolg dafür, dass Ivan Blatný ab sofort einen „Tisch in der Ecke einer Anstaltswerkstätte“ bekam, wo er in Ruhe schreiben konnte: die Wärter warfen hinfort nichts mehr weg und Blatný bekam sogar eine Schreibmaschine. Derweil nahm sie, wieder mit Erfolg, Kontakt auf mit dem in Kanada ansässigen tschechischen Exil-Verlag „Sixty-Eight-Publishers“ auf. 

Es war der vom Verlag veröffentlichte Band „Ivan Blatný Pomocná škola Bixley“ (1979), der Milan Kundera auf dem Slawisten-Kongress in Philadelphia schwärmen ließ. Weitere Gedichtbände Ivan Blatnýs folgten 1987 und posthum 2011.

In den Jahren 2013 und 2014 legte der Schriftsteller und Dichter Frank Wolf Matthies „Bixley“ in deutscher Übersetzung komplett in zwei Bänden vor, jedoch „ausschließlich für den privaten Gebrauch und als Geschenk gedacht“, was der Rezensent mehr als bedauerlich findet, denn Milan Kunderas Schwärmen lässt sich bei der Lektüre im Jahr 2015 immer noch nachvollziehen. Mit seinen Übertragungen ist wirklich Frank Wolf Matthies etwas Wunderbares gelungen.

Bereits der Titel „Hilfsschule Bixley“ verweist auf ein zu erwartendes singuläres Ereignis und ist eines schon selbst. Man kann lange auf dem aktuellen „Lyrik-Markt“ nach einem Vergleich suchen: die Gedichte der Bixley-Bände geben sich nicht nur so. Die frühe Lyrik Ivan Blatnýs umfasst insgesamt vier Bände, der letzte erschien gegen Ende des Zweiten Weltkrieges erschien. Zu „Quellen der Inspiration“(Serke) seiner Inspiration zählte Ivan Blatný die Dichtungen von T.S. Eliot, Carl Sandberg, Dylan Thomas und Walt Whitmann. 
Eines seiner Hauptthemen ist das Glück auf dieser Welt. In einem Gedicht aus dem Jahr 1941 schrieb dazu Blatný: Siehe, wir sind in der Landschaft der neuen Wiederholungen, / und die Stadt auf den Hügeln unter uns tritt aus dem Morgen wie aus einem Bade heraus […][3].Ivan Blatnýs später „Bixley-Dichtung“ gibt sich in ihrer interessierten Kontemplation noch immer diesen Bildern hin. Eine Kostprobe aus Band I. Ivan Blatný nennt das Gedicht schlicht „Anarchie“. Jede der insgesamt sieben Verse dieses Gedichtes spricht der Welt zugewandt. Das lyrische Ich im Gedicht lebt noch immer gern und hat doch einen Kontrahenten, den es in Gegenüberstellungen zu bannen versucht. 

Hier ist die Welt ohne Mief
Hier ist die Welt ohne Chief
Tschechisch heißt Eis mit Schoko Eskimo
Wie immer sitze ich froh
auf der dritten Bank in der Felixtown Road
Immer am Wochenende
Behütet – doch bis Ende?


Mit Berücksichtigung der Biografie Ivan Blatnýs wäre jener „Chief“ einerseits mit dem kommunistischen Herrscher„Stalin“ entschlüsselbar, doch kann jeder ex-beliebige Dogmatiker gemeint sein, wobei die Nennung dieses oder jenes Namens das Gedicht zu Fall bringen würde. Offenkundig verweist dieser Fakt auf die Unvereinbarkeit zwischen der Poesie, die die Freiheit ist, und politische Verordnung, die gezielte Unfreiheit ist. 

Anstatt Klage bevorzugt das Gedicht Bilder der Freude und des Scherzes und manifestiert ein konstruktives Interesse an einem Leben, das keine Feindbilder nötig hat. Die einzige Bedrohung bleibt bestehen im gedimmten Codewort „Chief“, dessen zu ahnende hierarchische Ordnung(und ihrem Heer) aber in der Felixtown Road ausgeschlossen bleibt, was den heiteren Grundton des Gedichts bestimmt.

Dass lyrische Ich, „froh“ darüber, sich auf immer die gleiche Bank niederzulassen, verweist auf Blatnýs Philosophie der Heimat, in der eine Bank gleichfalls Hoheitsgebiet der Unantastbarkeit menschlicher Würde ist. 
Die Unantastbarkeit dieser Würde speist sich aus den einfachen, seit Kinderzeit bewahrten Freuden. Sei es nun wie bei Blatný im darauffolgenden Vers eine tschechische Eis-Sorte oder wie im verwandten Gedicht einer antiken Schönheit mit Namen Sappho ein „Apfel[4]



Einsam rötet und ründet sich
Zuhöchst im Gezweige
Der süßeste Apfel. 
Vergaßen die Pflücker ihn? 
O sie vergaßen ihn nicht;
Zu fern nur 
Reift er den Händen ...

Wer die Verwandtschaft beiden Gedichte erkennt, sei herzlich aufgenommenin den Kreis der wahren, echten Leser. Felixtown Road – Felix, Felice, das Glück. Was ist in meinen Augen Glück? So lautet in beiden Gedichten die Frage. Und seit den frühesten Zeiten ist die Lyrik der Antwort auf diese Frage auf der Spur. Und das weitab von den glücksverheißenden Meta-Erzählungen politischer Utopie. Denn am Ende eines Gedichtes befindet kein Reich sondern es fehlt sogar jede Spur usurpatorischer Bedrängnis.

Ebenfalls kein regierendes Amt hindert im Gedicht der Sappho daran zeitlos über jenen „süßesten“ Apfel nachzusinnen, sowie auf der Felixtown Road die Anwohner von „deskriptiv-pragmatischen Sehweisen“ (Joisten) wie in Diktaturen keine Notiz nehmen. 

Mit dem Denken im anderen nur zu bekannten Leben, zusammengepfercht auf einem Gesellschaftsfloß „der Medusa“ (Géricault) - zu peinigen, wer nicht spurt, bis er erstarrt - können beide nichts anfangen. 

Dennoch versteckt sich Blatný in seinen Gedichten nicht: er ist in nahezu jedem seiner Verse zu sehen. Sein lyrisches spricht heiter im Waren House die Wahrheit aus: „ich habe heute zwei Stifte und jede Menge Papier / Tinte und Federn schäkern vor Tisch“. Das Synonym schäkern steht für flirten. Und auch hier ist es ein Flirten von Clowns eher, die am Ende die vermeintlichen Götter hinter ihren falschen Masken – mit Papiergeschossen natürlich – schließlich hervor zerren. 

Diese Haltung folgt ebenfalls – der Rezensent kommt zum Schluss – der bildende Künstler Lutz Leibner mit seinen gelungenen grafischen Beigaben. Was die Entsprechung von Bild und Text betrifft, sei auf die allgemeingebräuchliche Reduzierung kongenial verzichtet. Lutz Leibners (unbetitelte) Bilder lassen in beiden Bänden die Gedichte Blatnýs förmlich zu Form und Farbe werden, ohne mit seinen Bild-Kompositionen auf bloße Dekoration anzuzielen.

Im Gedicht „Schicksal“ formulierte Blatný ein philosophisches Bonmot, der es zumindest geschafft hat, inzwischen in aller Munde zu sein: „Du hast keine Chance also nutze sie“. Der Gedanken-Ball wird in den Schlussversen des Gedichtes „Anarchie“ aufgefangen. Das lyrische Ich sitzt auf der Bank in der Felixtown Road:


Immer am Wochenende Behütet – doch bis ans Ende?Zwar spielt der „Chief“ im Schlussvers unsichtbar noch einmal seine unheimliche Rolle. Solange Felixtown Road aber existiert – werden Gemeinschaften, die jeden zur selben Sitte zwingen, keine Einkehr finden, wiewohl der Grauton im Schlussvers fragt, ob das bis ans Ende gelingt.

Behütet – doch bis ans Ende?

Die Bilder von Lutz Leibner nutzten die ihnen zur Verfügung stehende räumliche Polarität in beiden Bixley-Bänden für einen von Blatnýs Gedichten inspirierten zwar doch – wie gesagt - eigenständigen feinsinnigen wie lebendigen Dialog mit dem Dingen, was vorzüglich gelingt. Ohnehin die einfach großartigen Übertragen von Frank Wolf Matthies.

PS: Wie der Rezensent erfuhr, befindet sich „Hilfsschule Bixley Band III“ in Progress.

Ivan Blatný, Hilfsschule Bixley & andere Gedichte. Mit Bildern von Lutz Leibner. Ausgabe nur für Privat und zum Verschenken. Nicht paginiert. Nachdichtungen von Frank Wolf Matthies. Alle Rechte beim Nachdichter.
Ivan Blatný, Hilfsschule Bixley II. Gedichte. Mit Bildern von Lutz Leibner. Ausgabe nur für Privat und zum Verschenken. Nicht paginiert. Nachdichtungen von Frank Wolf Matthies. Alle Rechte beim Nachdichter.

Besuchen Sie auch die Internetseite des Nachdichters:
www.frankwolfmatthies.de

Erstveröffentlichung: http://tabularasamagazin.de/artikel/artikel_6264/ 
[1]Jürgen Serke, Die verbannten Dichter, Fischer TB 1982, S.178.
[2] Ebenda, S.175.
[3] Jürgen Serke S. 181. 
[4] Sappho, Der Apfel, übersetzt von Rudolph Bayr, in: Die Klassische Gedichte der Weltliteratur, Verlag Das Bergland Buch, Salzburg/Stuttgart 1966, S.137.

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Donnerstag, 5. Juni 2014

Buchkritik: Das Gedicht als "Rechtsraum des Aufstandes" oder Schwierigkeiten des postmodernen politischen Gedichtes

05. Juni 14 , 20:30

Das Gedicht als "Rechtsraum des Aufstandes" oder Schwierigkeiten des postmodernen politischen Gedichtes

Kategorie: Kultur, Bücher 





Berlin, Deutschland (Weltexpress). Der Postmoderne gilt als radikale Abrechnung mit der vorausgegangenen Moderne, der reiner Automatismus und auf der gesellschaftlichen Ebene gar Despotismus vorgeworfen wurde. Nachweisen lässt sich der Begriff bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Blütezeit Georg Herweghs, Ferdinand Freiligraths, Heinrich Heines. Dass das Neue das Alte überbieten will, liegt in der Natur der Sache.

© Lyrik Edition 2000
Der aktuell wirkenden Postmoderne wird ihre 

Beliebigkeit zu wichtigen Fragen in Kultur und 

Gesellschaft zur Last gelegt, die zudem seit den 2000ern ein Epigonentum in alle 

Richtungen vorführe und sich hinter wissenschaftlichen Idiomen wie Intertextualität 

(„Axolotl-Roadkill“) verschanze. Neu ist wohl die Melange aus Sarkasmus, Ironie und 

künstlicher Betroffenheit. "Trauriger Radikalismus" macht auch die Runde.

Damit hat das zu rezensierende Buch zwar wenig zu tun, doch zumindest den Vorwurf des 

Epigonentums muss sich auch das Langgedicht "Kampfansage" von Boris Preckwitz gefallen 

lassen. Denn vor dem Leser erhebt sich ein Mega-Textkörper in Wladimir Majakowskis 

Jacke. Und von Majakowski lieh sich Preckwitz Form und Standpunkt.

Auch mir
            wächst die Agitpropkunst
                                                 zum Hals heraus,
                                                                        auch ich
                                                                                     schriebe
Goldschnitt und Fliederstrauß -
                                             Doch ich
                                                         bezwang mich,
                                                                              trat
bebenden Hauchs
                         dem eigenen Lied
                                                   auf die Kehle.
                                                               
(Jürgen Rühle, Revolution und Literatur, S. 49)

Majakowski sang den Staat (UDSSR), Führer (Lenin), die Partei (KPdSU) und den 

Kommunismus an, er war stolz auf seine „parteigetreuen Bücher“(Rühle, S. 50).

Inhaltlich versucht Preckwitz in seinem postmoderner Hymnus "Kampfansage" zwar genau 

das Gegenteil und wütet gegen den ihn betreffenden Staat wie gegen das ihn betreffende 

Europa, doch erstarrt,- eben anders als bei Majakowski - sein Gedicht, wie auch schon 

von Burkhard Müller in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 29. Januar 2013 kritisiert, in 

einem bloßen Gewimmel von Substantiven.

Zitat:

„Der Staat
              steckt nicht in der Krise
                                                der Staat ist die Krise.
So auch ist: die Krise System
                                          Und also: System das Feindesland.
Denn: Kapitalismus ist Krieg,
                                         der an Verarmenden verübt wird.
"

Preckwitz rät folgend mit Lenin und Thoreau:

Was tun?
            Laß dein Leben
                                  der Reibstoff sein,
der die Maschine zum Stehen bringt.

(Preckwitz, S. 27)

Die Postmoderne greift auf ihre Meister zurück und schießt mit Vorwürfe wie am 

Stammtisch (inklusive Wortungetüme wie "Wahlmonegassen"): gegen die Bundesrepublik 

("der Staat ist die Krise") oder Griechenland („Fäkalistan“) und all die Staatsdiener ("das 

große Geprasse“) und ganz beiläufig werden als Gegenmaßnahme "Leninisten mit Knarren" 

(sic) heraufbeschworen. Doch weist der Autor Wege wirklich aus der Misere? Eigentlich 

nicht. Muss er auch nicht.

Dafür schrappt Preckwitz hart am Ultranationalismus vorbei, wenn es heißt "Nicht Staat 

ist mir Heimat, / Heimat ist mir mein Land, /.../ Deutschland /.../ : Heimstatt / : 

Herzland." Simpler, abseits  des künstlerischen Anspruchs, heißt das bei 

Rechtsextremen:"Ich hasse den Staat, / aber ich liebe mein Land".

Auch der "Rechtsraum des Aufstandes" im Gedicht "Euroskepsis" anerkennt nichts, was der 

Europäischen Union („Brüsseler Byzantinismus“) zu Gute gehalten werden könnte, 

stattdessen "im luftschloß zu brüssel" der "zwangsstaat", wo die "kader ... schmarotzen".

Dennoch: Preckwitz lässt Dampf ab, das ist sein Recht, dabei schaut er dem sogenannten 

Wutbürger aufs Maul und versammelt und collagiert dessen Vorwürfe auf dem 

uneinnehmbaren Platz des Gedichts.

Da wird, wie Burkhard Müller bemerkt, ein "bestimmter Menschen-, Sprach- und 

Landschaftstyp" geliebt, "ohne die Pflichten eines Staatsbürgers anerkennen zu wollen". 

Und er fragt ganz richtig: "Geht das überhaupt, und wäre es zu wünschen?"

Verbunden mit dieser Frage wäre Preckwitz' schmaler Band zumindest als neuer Zündstoff 

für die sich etablierenden Montagsdemos eine interessante Überlegung. Von Juni bis 

November 2014 ist Boris Preckwitz Stadtschreiber von Dresden.

* * *
Boris Preckwitz. Kampfansage. Gedichte und Essays. 71 Seiten. Lyrik Edition 2000. Herausgegeben von Florian Voß.

Von: Axel Reitel

Quelle: http://www.weltexpress.de/ (Stand 06.06.2014)

Montag, 2. Juni 2014

Buchkritik: Strohblumenzeit. Ein Roman von Karsten Dümmel

Erschienen in Ausgabe: No 100 (06/2014)Letzte Änderung: 01.06.14 (gestern)


„Strohblumenzeit ist Winterzeit“

von Axel Reitel




Die Überschrift steht im Roman „Strohblumenzeit“ und ja, dieser Romancier kann sich sehen lassen, denn er beschreibt, und das in ganz hervorragender Form, eine Wahrheit.

„Achtung! Liebesverhältnis!“ Diesen Stasivermerk las der Rezensent in der Observierungsakte seines Bruders. Die in der DDR verbliebene Verlobte des Bruders hielt auch nach dessen Freikauf an der Beziehung fest. Es folgten der Antrag auf Eheschließung mit anschließendem Wohnsitz in Berlin (West), Karlsbad-Treffen, Schwangerschaft, dann ab dem dritten Monat Totenstille: die Verlobte wurde bearbeitet: dann der tödliche Unfall des Bruders

Ähnliches geschieht in Dümmels zweitem Roman. Das Ostberliner Schreibtalent Arno K., Jahrgang 1950, rückt wegen seines „Liebesverhältnisses“ mit einer Studentin der FU ins Visier des MfS, das drei Optionen erstellt: a) Zerstörung der Liaison, b) Zerstörung von Freundschaften, c) Verlust der Lebensfreude. Drei Scheren am Lebensfaden eines Menschen, dargestellt in rhythmisch wechselnden Kapiteln: „Gestern“, „Heute“, „Morgen“.


Zum Heute gehört ein Arbeitsleben im Stahlwerk, die immer-müden, disparaten Kollegen, „zerrissen wie das Land und seine Bewohner“. Der Staat verfügte bereits eine Arbeitsplatzbindung im Werk als erste (noch) geringe Strafe, sozusagen zum Nachdenken und Wiedereinlenken. Da ja jedes bereits mit einem negativen Gerüchelchen ruchbare Denken über die DDR vom politischen Geheimdienst der DDR als derart gefährlich eingestuft wurde, dass mit allen Mitteln dagegen vorzugehen war, standen die Alarmsignale schon auf dunkelrot. Mit allen Mitten sollte vor allen Dingen verhindert werden, dass irgendein Skandal an die Öffentlichkeit kommt (während das Immunsystem offener Gesellschaften geradezu Skandale benötigt).


Es ist bekannt, dass, als die DDR ihr Ende ereilte, der Chef der Staatssicherheit, Genral Erich Mielke, die Frage stellte, ob der 17. Juni ausgebrochen sei. Denn jener Volksaufstand aus dem Jahr 1953 saß der DDR bis zum Schluss im Nacken: die Antwort war die gnadenlose Diktatur geblieben. Der Roman „Strohblumenzeit“ leistet hier, wie auch schon Karsten Dümmes Debüt „Nachtstaub“, präzise Feldforschung entlang der blutenden Grasnarben dieser keineswegs kommoden Diktatur, wie unser verehrter Nobelpreisträger Günter Grass weiland im kommoden Westen über einen Fernsehkanal gedachte bestimmen zu müssen.


Dass der Protagonist Arno K. die Folgen der Überwachungsmaßnahmen der Diktatur nicht überlebt, gehört sowohl zur konsequent durchgeführten Romanhandlung als es auch zum Vorteil der Analyse im einhergehenden Subtext gerät. Des weiteren rückt die bewusst an Kafkas Joseph K. angelehnte Romanfigur, wie auch schon im Roman „Schnee“ von Omar Pamuk, etwas entschieden Neues ins Bewusstsein, nämlich die äußerst variablen Mittel dieses in unserer Welt sich immer aufs Neue abspielenden Prozesses der Abspaltung scheinbar nicht konvergenter Lebensweisen: denn Arno K. stirbt eben nicht hingerichtet „wie ein Hund“ (vergleiche das Endes Romans von Kafka), sondern er verlischt, fast tonlos, wie das Rascheln eben von Strohblumen, die also auch nicht von ungefähr den Titel des Romans abgeben.


Mit Sicherheit sind die Strohblumen aber auch Synonym für Arno Ks Welt C [(c]. In der verbergen sich von Karsten Dümmel hochpoetisch geschriebene Erinnerungen einer Kindheit in Mecklenburg, voll geladen mit wunderbarer Geschichte und wunderbaren Geschichten und dies vorgetragen mit einer derart faszinierenden Sprachmagie, die bildlich zu den archaischen Lebensweisen zurückführt. Die vor allem aber auch keiner mehr belangen kann. Das ist natürlich der Trick des Zurückgehens. Der andere, nicht zu Frieden lassende, ist der des beständigen knallharten Sprach-Wechsels in den Spliss des Stasi-Geheimdienstes. Es ist der Spuk, aus dem die DDR bestand, die bekannterweise selbst im Orkus der Weltgeschichte erlosch.


Jedoch mit welchen perfiden Mitteln sich die zweite deutsche Diktatur diese ganzen vierzig Jahre am Leben erhielt, wird schließlich zur Investigation von Arnos K. „Verlobter“, die ihn in Ostberlin so oft es ging besucht hatte, bis sie eines Tages, ohne Erklärung, den Boden der DDR nicht mehr betreten durfte.


Die einstige Studentin Marie-Sophie ist Tochter eines französischen Diplomaten, der im Endeffekt selbst bis auf das Letzte von Stasi-Überwachungen betroffen war. Ihre Fahrt von Avignon zur Behörde der Unterlagen der Staatssicherheit der DDR in Berlin bilden das „Morgen“ im Roman. Jene Zukunft, die bisher noch jeder Diktatur bevorstand, in der es sie dann freilich nicht mehr gab.


Mit den wechselnden Stimmen tagebuchartiger Ist-Zeit, unbeschwerter Kindheit, erfolgreicher Schulzeit, geheimpolizeilicher Ausweitung der Folter und der nach dem Horror bleibenden Entrüstung, gelingt Karsten Dümmel eine neue Sicht auf die Schlacht diktatorisch-eiserner Definitionen gegen das hochpolitische weil eigenermessene Private.


Karsten Dümmel. Strohblumenzeit. Roman. 118 Seiten. Transit. Berlin.



Karsten Dümmel, geboren 1960 in Zwickau, Ausbildung zum Elektromechaniker, Abitur, später Studienverbot. Gründer mehrerer Friedens- und Menschenrechtsgruppen in Gera, Zwangsarbeit als Fensterputzer und Gebäudereiniger, 1985 vorübergehende Inhaftierung, Frühjahr 1988 von der Bundesrepublik freigekauft. Studium der Germanistik und Rhetorik in Tübingen, Promotion. Nach mehreren Forschungsprojekten Arbeit in der Entwicklungshilfe in West- und Ostafrika sowie in Osteuropa. Im : TRANSIT Verlag erschien 2007 »Nachtstaub und Klopfzeichen«.

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