Donnerstag, 10. November 2022

Lärm! Reklame! Viral!: Bericht an eine Jury. Eine Stasi-Satire.




Müsste man machen um gehört zu werden! Das mit dem Lärm sagte jedenfalls Dr. Karl Jaspers, Philosoph, wie alle Welt weiß. Die Radiolesung stammt schon aus älteren Tagen (2011),  der "Bericht" in gedruckter Form  reicht noch weiter in das Jahr 1987 zurück. Ein Evergreen bleibt der "Bericht", weil er die   Satire über Stasi war, die die Stasi selbst als Buch bei einer observierten "Person" hochzog und in einem zentralen Operativen Vorgang inhaltlich beschrieb. Eine Kurzrezension durch die Stasi selbst. Aber das ist alles in den Anmerkungen bei Youtube und über den Link in der online Zeitschrift "Glossen" im Detail nachzulesen. Der "Bericht" steht erst seit gestern online und hat schon über  1.100 Klicks. Der "Bericht" scheint also erneut zum Zeitgeist zu passen!

Gute Unterhaltung! Viel Vergnügen! 

https://www.youtube.com/watch?v=Jfs0vQTt3H8&t=46s


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Montag, 17. Oktober 2022

Radiolesung: Muschel und Welle und andere Prosa und Lyrik. Gelesen von Axel Reitel im ARD-Hörfunk


I hope you will enjoy!
Klick the arrow and listen!

 Neu auf You Tube . Vorgetragen soll's auch gut sein. Die Lesung im ARD-Hauptstadtstudio ist ein paar Tage her und mit der Muschel war ich auf dem Holzweg, da das zu sehende konische Gehäuse einer Kegelschnecke gehörte. Fast alle ihrer Art gehören übrigens zu den gefährlicheren Tieren dieser Welt. Das gehört dann schon zu "Muschel und Welle 2." Viel Spaß, wer es sich anhören mag! Orte: Gran Canaria, Plauen. Zeit: 1987, 1968. Topics: Maspalomas. Familie. Beat-Club. The Rolling Stones. WISMUT-Ferienlager. Höfchen. Talsperre Kriebstein. Atlantischer Ozean.


Samstag, 20. August 2022

Grafik und Lyrik: Poesiealbum 369 Axel Reitel

 





Poesiealbum 369
 (*7.4.1961) 



Frontansicht

Die Mittelgrafik von Hubertus Giebe Verse XX
zum gleichnamigen Gedicht im Poesiealbum 369


Verse XX

Ich bin so müd und hab genug
Der rabenschwarzen tauben Liebe 
In der das Herz pocht wie ein Rattennest 
Und hält sich an Verlusten fest

Ich bin so müd und hoffnungswach
Und gehe langsam meiner Sehnsucht nach
Ich seh' in allen Augen Schlachthausfreuden
Und hör' im Dunkel Hochzeitsläuten
 

Auswahl
Edwin Kratschmer (*1931)

Stimmen zu Reitel

Ich habe zwei gute Stunden mit mit diesen so poetischen Texten verbracht, dabei einen wunder-baren Dichter kennen lernen dürfen. Da ist einer auf seine Weise liebend unterwegs, schwelgt in allen Sinnen und läßt die Sprache quellen.                                                                                                              

Edwin Kratschmer

Axel Reitel ist ein Dichter, der Liebe noch buchstabieren kann, ohne dahinter zu verschwinden. Berserker im Wort wie Heine und Rimbaud blitzen zwischen den Silben auf. Exkurse in böhmische Landschaften und Atmosphären erinnern an den jungen Reiner Kunze und Freunde.                            

Susanne Altmann


Die schönste Neuerscheinung des Jahres.                                                                                            

Heinz Czechowski

Andere Gedichte haben Anklänge ans Märchen, an Hölderlin, an Celan, ohne damit den eigenen Ton zu verlieren. Wieder einmal: eine Lyrik zum Angewöhnen.                                                                        

Alexander von Bohrmann

Reitels Gedichte sind mir nah, weil sie nah am Leben geschrieben wurden und daher eine Höhe erreichen, die man lyrischen Enthusiasmus nennen könnte. Diese Verbindung macht ihn zu einem derer, die sich nicht in Fernsehshows herumtreiben und von denen es in Deutschland schmerzlich wenige gibt: une poèt maudit.                                                                                                                                    
Utz Rachowski

Der genaue Erzähler und sensible Lyriker wird künftig auch mit seinen Liedern zu beachten sein. Seine als Chanson arrangierte Liebeserklärung an »Paris, Paris« ist ein Ohrwurm.                                       

Udo Scheer


»Exkursion« berührte mich besonders.                                                                                              

Hannes Würtz

In der Anspielung auf Ovid und griechische Legenden sehe ich mittels der griechischen Klassik eine Auseinandersetzung mit der deutschen.                                                                                                 

Guy Stern 

Axel Reitels Gedichte wagen vielerlei: Von Liebe - ihrem Beginn, ihrem Ende und all dem Zwischendurch und Danach - zu sprechen ohne die Ausflucht in wohlfeile Ironie oder zynisch abgepolstertes Wehleid. Nichts wird hier epigrammatisch um den Schmerz gebracht, sowenig wie sich auch die Langgedichte verlieren in klingelndem Bombast. Eine Balance ist hier gehalten, wie sie wohl nur Lebenserfahrung und die ambivalente Freude am womöglich keineswegs rettenden Wort ermöglicht. Dazu eine Selbstreflexion ohne Selbststilisierung: Da streift nämlich kein abgeklärter lonesome wolf durch seine (westöstlichen und auch bald international geweiteten) Erinnerungen, sondern ein Dichter, der es noch erst nimmt mit dem Verdichten - und Dank seiner Gegenwarts-Sensibilität einen Sinn bewahrt für die Fortdauer des Vergangenen. Das gilt vor allem dort, wo das Private schmerzlich mit den deutschen Verbrechen des 20. Jahrhunderts kollidiert. Und so - im Unterschied zu vielen, allzu vielen anderen schreibenden Amsterdam-Besuchern - wird ihm dann auch das Anne-Frank-Haus in der Prinsengracht nicht etwa zum Sujet, über das sich bezugslos das eine oder andere sagen ließe, sondern provoziert bohrend fragende Zeilen danach "was unsere Väter hier oder zur gleichen Zeit/ in Paris/ in Warschau/ oder in Minsk zu suchen hatten". Kein Gedicht bei Axel Reitel, das nicht von existentieller Dringlichkeit wäre.                                                                                           

Marko Martin


Inhalt
52 Gedichte

Grafik
Hubertus Giebe (*1953)

Ankündigung
Heft 370 Elfriede Jelinek

Erscheinung
MärkischerVerlag, [Mai] 2022
GTIN 978 3 943 708 69 1
5 € / 6 CHF

Bemerkungen

Bestellung


Zitiert von der Verlagsseite: 

die medaille ist toll! aber das poesiealbum! ein ossiherz weiß: wer ein eigenes poesiealbumheft hat, ist in der poets-hall-of-fame angelangt …

Maja Kowski via twitter zum gleichzeitigen Erhalt der Carl-Zuckmayer-Medaille für Nora Gomringer und des Poesiealbums 358

***

Nun sind Sie also ins Walhalla der Weltlyrik aufgestiegen – oder ins Krematorium ...
Prof. Wulf Segebrecht an Peter Salomon (Heft 361)

***

Die Reihe ist Weltrekord und was fürs Guinnessbuch!
Annegret Winkel-Schmelz bei Bestellung eines Abos

***

Das Poesiealbum ist Kult.
Frank Elze bei Bestellung von Heft 352

***

Die Reihe ist wie ein bunter Flickenteppich der Weltliteratur … ein einmaliges Weltlyrikroulette!
Prof. Edwin Kratschmer nach Erscheinen von Heft 369

Kostenpunkt pro Heft: 5 Euro.

Gute Lektüre!     





Rückseite








Bleibt gesund!
Bleibt einander gewogen!
Seid am Ende immer die Positiven!






Samstag, 9. Juli 2022

"Klosterrunie y Pogo Bar": Quorum versus Vakuum. Einführung in den Veranstaltungsabend "Offene Fenster", 24. Juni 2022

 

Quorum versus Vakuum

Foto: https://kgberlin.net/gallerys/klosterruine-berlin/

Einführung zur Veranstaltung KLOSTERRUINE X POGO BAR: VERENA BUTTMANN UND NICLAS RIEPSHOFF
OFFENE FENSTER, 24. Juni 2022, in der Klosterruine (zerstört am 03. April 1945), Klosterstraße 73a, 10179 Berlin,

um 19.30 Uhr

von

Axel Reitel

Zuvor, zur Erläuterung, aus dem Pressetext: „Ein            Abend über die Zukunft, weshalb Verena Buttmann und Niclas Riepshoff auf die Vergangenheit schauen. Den Ausgangspunkt bilden Gedichte, die zwischen 1965 und ’89 in der DDR von Jugendlichen verfasst und von dem Lehrer und Publizisten Edwin Kratschmer gesammelt wurden. Dieser veröffentlichte über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren eine Auswahl dieser Gedichte in insgesamt neun Bänden unter dem Titel „Offene Fenster“. Der erste Band erschien 1967. Vor der offenen Kulisse der im ehemaligen Osten der Stadt gelegenen Klosterruine wird die Lyrik junger Menschen, die im Spannungsfeld von staatlicher Lenkung und Emanzipationsstreben entstanden ist, neben Musik von heutigen Jugendlichen gestellt.

Diese Anordnung spürt der Frage nach, wie sich ein                                                                                  'Jugendgefühl' in unterschiedlichen zeitlichen und                                                                                        gesellschaftlichen Kontexten ausdrückt und welche                                                                                      möglichen Potenziale „pubertäre Zustände der                                                                                      Gesellschaft über den biosozialen Lebensabschnitt                                                                                          hinaus hervorbringen könnte


n.“

Foto: 

Und nun der Einfühungstext in die Veranstaltung.
Lesezeit etwas 15 Minuten 

             Foto: wird jeweils nachgetragen 

Kein Sturz, dem nicht die Abweichung vorausginge.“ Keine Abweichung, der nicht ein Wunder folgen kann. Die Abweichung ereignete sich 2004 im Berliner Norden per Rad auf einem wegbrechenden Gefälle, am Rand eines wuchernden Kraters, mit auffällig vielen Baumgruppen und ihren ausgeprägten Gabelungen. Ich wurde mit Caracho gegen die nächststehende Baumgruppe geklatscht. Der abrupte Erdrutsch mal der Geschwindigkeit meiner Masse ließ wirklich einen hammermäßigen Zusammenprall erwarten. Das war das Ende. Uns so war mein letzter Gedanke dieser Gewissheit geschuldet: „Das war‘s“ Aber, unmöglich, saß ich im Gegenteil auf der anderen Seite der Gabel, ein Wunder, wieder fest auf meinem Rad. Und wenige Tage später füllte Hannes Würtz Wodka in unsere Gläser und erzählte im Interview von seiner Rubik Offene Fenster im FDJ-Organ Junge Welt, in der der Doyen der ostdeutschen Poetenbewegung, Edwin Kratschmer (Prof. Dr.) Lyrik junger Schreibender veröffentlichte, und mit dem auch die Poetenbewegung in der DDR ausging, doch nicht ohne dass ihr ein ähnlicher Gabel-Effekt vorausging. Im Schuljahr 1963/64 bekam der im thüringischen Unterwellenborn unterrichtende Edwin Kratschmer von seinem Schüler Peter Beitlich am Ende einer Literaturstunde einen Zettel mit folgendem Text auf den Lehrertisch geschoben: „Im Wasser schwimmt der Mond, / zittert matt und schlingert / unter mir. / Tief unten der Mond. / Ich, hohl und stumm. / Höhle. Vakuum. / Ich bin nicht gesprungen, / weil es Dich,/ Dich gibt.“ Kratschmer erkannte dieses Gedicht als einen Hilferuf. Ein Schüler gab ihm da ganz offensichtlich seine Suizidabsicht kund. Für Kratschmer Schreck- und Sternstunde zugleich. Er wurde aufmerksam auf die wichtige Aussagefunktion eines Jugendgedichts, „das über den üblichen Schulaufsatz hinaus dringliches Ventil sein und auf tief gehütetes Inneres verweisen wollte“. Kratschmer begann nun, sowohl seine eigenen Schüler zum Schreiben zu provozieren als auch – unter anderem im FDJ-Organ Junge Welt– republikweit Zeitungsaufrufe an schreibende Jugendliche in der der DDR zu schalten, ihm Gedichte und Geschichten zu schicken. Im Jahr 1964 schließlich legten Edwin Kratschmer und seine Frau Margarete Kratschmer 23 Texte von drei Jugendlichen unter dem Titel „Und Mut gehört zum Wort. Erste Versuche“ zu den vierten Arbeiterfestspielen vor. 

Foto: 

Bei dieser Auswahl handelt es sich um Texte dreier seiner Schüler im Alter von fünfzehn und sechzehn Jahren. Auf die Frage, ob die Dichtung Jugendlicher ernst zu nehmen sei, sprach sich Edwin Kratschmer in seinem Vorwort mit einem „Dreimal Ja“ aus und antwortete zugleich auf die Entgegnungen. „Sollen Schüler Verse schreiben? Aber ich bitt’ euch, Jugendliche sind halbfertig. Ja, aus hundert Gründen. Und nicht zuletzt aus diesem. Wer sich selbst versteht, versteht die Dichtung besser. […] Unsere Jugend hat das dringende Bedürfnis nach echter Auseinandersetzung, und sie hat Fragen, Fragen, Fragen. Sie ist empört über jedes Unverständnis und über schwache Argumente. Sie ist auf der Suche nach Antworten. Unsere Jugend will keine festen Betten – sie will aber auch keine fertigen Rezepte. Sie will streiten und diskutieren, und sie haßt Vielredner.“[1] Das schrieb Kratschmer im Jahr 1964. Da ist schon Inhalt und vor allem der Ton der Perestroika von Michail Gorbatschow vorweggenommen. Auszug Gorbatschow: „Wir hatten alles so eingerichtet, daß nicht ein einziges wichtiges Problem, das die Jugend betrifft, aufgegriffen wird, ohne die Ansicht des Komsomol dazu zu berücksichtigen.“[2] Bereits der erste Text in Kratschmers Sammlung legt Jugendbedürfnisse offen. „Werd ich gefragt / was mir behagt / sag ich nicht: Die Behaglichkeit / und eventuell das Essen / Ich such den Streit / Versteht: Das Kräftemessen // Ich schreibe / und treibe Sport/ Es bringt mich in Glut / und macht Mut / Und: Mut gehört zum Wort // Und steh ich auf dem Podest / nach hartem Streit / dort wo man die Hand sich schütteln läßt / denk ich nicht: Es ist soweit / du bist am Ziel / Sondern: Der Anfang war gut / doch fehlt noch viel / Und: Es rostet leicht wer ruht.“[3] In der DDR bezeugte ein derartiger Text zweifelsfrei Mut. Und es gab noch mehr davon in diesem schmalen Bändchen, das zu Recht eine Welle von Reaktionen provozierte. Jeder einzelne Text in dieser Sammlung setzte sich dem damals vorherrschenden ideologischen Klima aus und war zugleich Not. Das haben nicht beliebig viele der später in den Sonderheften Poetenseminar veröffentlichten Texte gewagt. Was auf die Veröffentlichung der Sammlung Und Mut gehört zum Wort folgte, waren Totalverrisse. Darunter jene der Paladine der DDR-Führung, die mit ihren Entgegnungen weniger Verständnis als Unmut zeigten über das, was ihrer Meinung nach im Land nicht gewünscht war. Wichtig und tragend wurden jedoch die mutmachenden Stimmen. Sie kamen unter anderen von Hannes Würtz, der bei der Jungen Welt akkreditiert war, und von Adolf Endler, der als Redakteur der Neuen Deutschen Literatur tätig war. Endler schrieb in seiner Besprechung im Sonntag, Kratschmer habe sein Vorwort den Lesern „gereizter als der nüchtern boxende [Achtung N-Wort]“ um die Ohren geschlagen, und zitierte zugleich aus einem Brief von Kratschmer an Endler. Im Nachhinein bezeugt Kratschmer, daß Endlers Rezension des Mut-Bändchens eine „notwendende Hilfe“ war.[4]Zunächst hatten sich daraus keine negativen Folgen ergeben. Das noch ganz freie Zusammenwirken konnte weitergehen. Hannes Würtz ermöglichte den ausgewählten Gedichten jugendlicher Schreiber in der in der Jungen Welt eingerichteten Rubrik „Offene Fenster“ weiterhin die wichtige breite Öffentlichkeit. Würtz erhielt täglich Dutzende Briefsendungen an seine Redaktionsanschrift,. Kratschmer organisierte indessen im heimischen Thüringen Treffen ihm besonders auffallender junger Talente. Das Echo dieser Aktion hielt sich für Jahre. Dr. Kratschmer, mittlerweile über das Jugendgedicht promoviert, sichtete die zugesandten Texten und veröffentlichte schließlich gemeinsam mit Hannes Würtz einen Auswahl daraus. Die Auswahl kam gut an und stellte sie damit sogleich vor ein immanentes Problem. Für ein privat organisiertes Autorentreffen gab es auf Dauer keine Bestandssicherung gegen staatliche Aufsichts- und Kontrolleinrichtungen. Zwar lag gerade die Förderung junger Talente damals im offiziellen DDR-Trend, aber auch das hatte im durchorganisierten Rahmen der sozialistischen Organisationswelt zu erfolgen. Kratschmer und Würtz mußten also beim Zentralrat anklopfen, ihn notgedrungen ins Boot nehmen, und wurden sogleich selbst lediglich auf die sichere Staatsyacht genommen. Der Zentralrat der FDJ, der die Dimension und seine Möglichkeiten sehr wohl erkannte, riß die im Grunde lose Poetenbewegung an sich und suchte deren Staatstreue durch Zentralisierung zu gewährleisten. Die Unterlagen des Werdegangs bis zum ersten 1. Zentralen Poetenseminar im August 1970 liegen vollständig vor. Sie beweisen zunächst den Instrumentalisierungswunsch seitens des Veranstalters, des Zentralrats der FDJ. Die erste Zwischeneinschätzung über die Tätigkeit des Arbeitskreises sozialistische Dramatik beim Zentralrat stammt vom 6. Oktober 1969. Sie beinhaltet zugleich den Beschluß des Sekretariats des Zentralrates, die Konzeption zur Durchführung betreffend. Das Papier bildet bereits das später durchgezogene Konzept ab. Veranstalter waren neben dem Zentralrat der FDJ die Bezirksleitung der FDJ Schwerin und der Deutsche Schriftstellerverband der DDR. Schwerpunkt wurde die „politisch-ideologische Arbeit mit den jungen Talenten im Sinne der Erklärung der Kulturpolitik der SED“. Die „schriftstellerischen Talente“ sollten „praktische Hilfe von Berufsautoren bekommen“, die Besten sollten für ein anstehendes deutsch-sowjetisches Treffen „einen Lyrikabend gestalten“. Auf der Tagesordnung standen außerdem „Begegnungen der Landarbeiterjugend mit den literarischen Talenten“. Außerdem war das 1. Poetenseminar als Gedankenaustausch „anlässlich des 100. Geburtstages W.I. Lenins“ gedacht. Dieser vorformulierte Wille blieb prägend. Bereits zum 1. Zentralen Poetenseminar sollte die spontane junge Poetenbewegung auf einen festen Kurs gebracht werden. Hatte Kratschmer versucht, Jugendliche zum Schreiben zu provozieren, baute der Zentralrat der FDJ auf Einschwörung und Instrumentalisierung. Zunächst schien diese Rechnung sogar aufzugehen. Das ideologische Interesse sollte erst Mitte der achtziger Jahre zu bröckeln beginnen In den Beschlüssen von 1969 wurde als Austragungsort für das 1. Poetenseminar im Jahr 1970 zunächst Güstrow ins Auge gefaßt. Wegen dortiger Ausschreitungen bei den Arbeiterfestspielen im Vorjahr legte man sich schließlich lieber auf das in sich abgeschlossene Schweriner Schloß fest. Das Alter der Teilnehmer sollte zwischen vierzehn und 25 Jahren liegen, die Teilnehmerzahl wurde auf ungefähr einhundert begrenzt. Das Auswahlverfahren erstreckte sich von der Kreis- über eine Bezirksausscheidung bis zur Jury des FDJ-Zentralrates. Die Kosten der Veranstaltungen, etwa 10.000 Mark der DDR trug ebenfalls der Zentralrat der FDJ. Pro Teilnehmer und Teilnehmerin wurde ein Beitrag von 10 Mark erhoben.[5] Der Sekretär des Zentralrates, selbst Gründer und Akteur des legendären „Oktoberklubs“[6], Dr. Hartmut König, klärte die Notwendigkeiten mit Walter Ulbricht ab. Ulbricht riet, die Poetenseminare wie die auf Linie gebrachte „Singebewegung“[7] zu entwickeln. Ebenso formuliert es dann auch der Beschluß vom 19. Februar 1970, „alle vorhandenen schriftstellerischen Talente der Jugend zu entwickeln und zu fördern und sie entsprechend dem Modell der Singebewegung in Interessen- und Klubgemeinschaften zusammenzuführen“.[8] Das war der Intention des Spiritus rector der Jugendpoetenbewegung zwar vollkommen entgegengesetzt. Dennoch nahm das Ehepaar Edwin und Margarete Kratschmer nach Einladung am 1. Poetenseminar 1970 als Seminarleiter teil. Sie schieden jedoch bereits nach dem 1. Poetenseminar freiwillig aus, nachdem sie gesehen hatten, daß die Poetenbewegung politisch völlig vereinnahmt worden war.[9] Von hier an sollten sich die Wege dieser Poetenbewegung noch mehrfach gabeln. Es gab traurige Selbstmorde wie den von Hannelore Becker. Es gab sehr frühe Talente wie Gabriele Eckert. Es gab Poetenspitzel, die der Stasi alles berichteten. Aber auch die Wege der Politik gabelten sich, mündeten auf dünnen Rändern längsseits der sich auftuenden Abgründe der Auslösung des eigenen und der befreundeten Staaten. Es gab im Herbst 1989 große Veränderungen Der Milliardenkredit von Strauß und die im Gegenzug von der DDR locker gehandhabte Ausreisewelle zeigte bereits ein halbes dutzend Jahre zuvor das absurde Ausmaß der Willkür des SED-Staates. Eben das blieb im wichtigen Maße nicht unkommentiert, sondern heftete mental an den jungen Poeten und schlug sich auf ihr Verhalten in ihren die Texten nieder. Mit Gorbatschows „Perestroika“ kamen seit 1985 neue Töne aus Moskau die großen Hoffnung auf größere Veränderungen in Richtung einer Form von parlamentarischer Demokratie machten. Der letzte humane Exodus im roten Reich, das Tiananmen-Massaker vom 3. auf den 4. Juni 1989, erinnertean dunkelste Zeiten kommunistische Herrschaft, war aber bereits ein Anachronismus wie einst der Nationalsozialismus in der ersten Sekunde seines Erscheinens. Immer mehr wollten dieses Staatssystem verlassen. Das prägte auch auch die harten Auseinandersetzungen, die es schließlich auf dem letzten zentralen Poetenseminar, im August 1989 und bei dem auch darüber diskutiert wurde, „dass [endlich] auch Macht abgegeben werden müsse“. Kathrin Schmidt im Radiofeature „Junge Poeten zum Lernen gebeten“. Nachhörbar via You Tube. Vor allem aber gab es auch sehr überraschende, eigene Bildsprachen wie die der heute hier glücklicherweise anwesenden Alumni der zentralen Poetenbewegung der DDR 1970 bis 1989: Torsten Boger, Gerd Adloff, Elisabeth Wesuls, Leokadia Kuhn und Jens Sparwasser.                                                Ihnen soll ihnen nun dieser Platz gehören.                            Vielen Dank!

Torsten Boger Foto: 
                
Elisabeth Wesuls Foto:

                      

Gerd Adloff Foto: 

Leokadia Kun Foto:

Jens Sparschuh Foto: 


Niclas und Verena mit berückenden eigenen Stücken Foto: 

Die super Jugend-Punkband [wird nachgetragen ] Foto:

                                                       Dancing Pogo Day Foto: 

Über diesen Link geht es zu einem Radiofeature über die oben besprochenen zentralen Poetenseminare:

https://www.youtube.com/watch?v=t0-g0mTPFWE&t=2039s

ENDNOTEN

Aus: A. R., Pegasus, gegängelt, „hoch oben /tief in die Knie“, in: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat, 19/2006, S. 61f.

[1]1Und Mut gehört zum Wort. Schüler schreiben. Erste Versuche. Hrsg. im Auftrag des Kreiskulturhauses Saalfeld. Genehmigungsnummer: Nr. 212/64,1964, S. 5 f.

[2]Reitel, Axel: Jugendstrafvollzug in der DDR am Beispiel                                                                                des Jugendhauses Halle. Berlin 2006, S. 10.

[3]Schnappauf, Dietrich: Und Mut gehört zum Wort. In:                                                                                   Und Mut gehört zum Wort, S. 11.

[4]Das Interview fand am 29. Januar 2004 in den Räumen                                                                           des Kratschmer-Würtz-Archivs der Friedrich-Schiller-Universität Jena                                                           statt. Vgl. auch Edwin Kratschmer: Zwiegesicht.                                                                                           Stationen & Spiegelungen. Jena 2000, S. 51-83. 64.

[5]SAPMO-BArch, DY/24, Nr. 13/70 B 8.

[6]Interessant ist vielleicht, daß der „Oktoberklub“, der                                                                                  unter dem Bandnamen Hootenanny begann, kurz vor dem                                                                              Verbot stand, sich dann besann, der Gängelei nachgab und,                                                                          mit neuer Erlaubnis versehen, sich als „Oktoberklub“ gründete.

[7]Vgl. Interview Dr. Kratschmer.

[8]Ebd.

[9]Ebd.


Freitag, 10. Juni 2022

Pressemitteilung: »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG« markiert historische Orte ehemaliger Umerziehungsheime | Einweihung am 18. Juni 2022 in Torgau

 PRESSEMITTEILUNG 

 


Neuer Impuls für die Aufarbeitung der repressiven DDR-Heimerziehung:

»BLACKBOX HEIMERZIEHUNG« markiert historische Orte ehemaliger Umerziehungsheime | Einweihung am 18. Juni 2022 in Torgau

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

am 18. Juni 2022 weiht die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof ihre »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG« - das Mobile Denkzeichen als interaktiver Lernort zur repressiven Heimerziehung ein. Den Rahmen bildet das 18. Treffen ehemaliger DDR-Heimkinder, das nach zweijähriger Pause wieder in Torgau stattfindet.

 

Wir würden uns freuen, wenn die anhängende Pressemitteilung und der Flyer zur »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG« bei Ihnen Beachtung und Ihre mediale Begleitung finden. Für einen ersten Eindruck senden wir Ihnen gerne zwei Fotos aus der Herstellungsphase.

 

Mit freundlichen Grüßen und herzlichem Dank

 

Juliane Weiß

Referentin für Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit

________________________________________

Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau

Closed Juvenile Detention Centre Memorial

Fischerdörfchen 15

04860 Torgau

Tel. 03421 7045621

Mobil 0157 39611754

Fax 03421 776641

j.weiss@jugendwerkhof-torgau.de

www.jugendwerkhof-torgau.de




 

Mittwoch, 11. Mai 2022

Appeasement und Desinformation: Ist „Peace of our time“ unsere Zivilisationsformel? Ein Rückblick auf 1938 und die Folgen

 

Über Appeasement und Desinformation

Ist „Peace of our time“ unsere Zivilisationsformel?

Anmerkungen zu Greta Kuckhoff und der „Roten Kapelle“

Ein Rückblick auf 1938 und die Folgen

von

Axel Reitel

für Ule und Maria Mägdefrau


Revived bitterness

is unnecessary unless

one is ignorant“.

Aus dem Gedicht „The past is the present“

von Marianne Moore (1887–1972)


Können wir unseren Mitmenschen vertrauen?“ Teilnehmer einer seit 1981 bislang sechsmal durchgeführten internationalen Studie geben mit der Beantwortung dieser Frage, die Stadt und Land, Regierung und Straße einschließt, einerseits ein alarmierendes und andererseits ein hoffnungsvolles Zeichen. Demnach hat, abgesehen von erfreulichen Ausnahmen, in den meisten Ländern das Vertrauen in die Mitmenschen abgenommen. Ich lese diesen Artikel, erschienen Anfang Oktober 2018 in der „Neuen Zürcher Zeitung“, am selben Tag, an dem ich diese Anmerkungen zur „Roten Kapelle“ abschließe.

Als ich im Februar 1979 im Windschatten meines Jugendfreundes Ule dessen Oma am Leninplatz in Ost-Berlin besuche, hatte ich ihr als „Lebensbericht“ untertiteltes Buch „Vom Rosenkranz zur Roten Kapelle“ bereits gelesen. Die 1902 geborene, weißhaarige freundliche Dame war die hervorstechende Persönlichkeit der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“. Greta Kuckhoff war elegant gekleidet in mausgrauer Nadelcordhose, seidener Blümchenbluse und türkiser Wollstrickjacke. Wir tranken Tee im Wintergarten. Vor dem Fenster erhob sich das tonnenschwere Lenin-Denkmal, dessen Kopf zweieinhalb Jahrzehnte später als Epiphanie im Film „Good Bye, Lenin!“ erstaunt.

Ohne Vertrauen hätten wir es nie zu diesem Zusammenhalt geschafft.“ „Ohne Vertrauen ist das ganze Leben nichts wert.“ Wurden diese Sätze in unserem kurzen Gespräch vor bald vierzig Jahren wirklich ausgesprochen? Als ich vor kurzem, auf Ules Anraten, den Nachlass seiner Großmutter im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde sichtete, kommt es mir immer wieder so vor, als seien diese beiden Kernsätze tatsächlich gefallen. Umso mehr, als ich nach und nach verstehe, wie deutlich sich im Jahr 1938 eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts abzeichnete, deren vorbereitete Verhinderung aber dennoch kurz bevorstand.

Das Jahr 1938 als Wegscheide

Mit der Unterzeichnung des Münchner Abkommens in der Nacht vom 29. auf den 30. September 1938 besiegelten Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien nicht nur das Ende der ersten Tschechoslowakischen Republik. Die Unterzeichner Adolf Hitler, Benito Mussolini, Édouard Daladier und Neville Chamberlain legten dort ebenfalls fest, dass die Tschechoslowakei binnen einer Frist von zehn Tagen das Sudetenland zu räumen und an das Deutsche Reich abzutreten habe.

An der Konferenz teilnehmen durften weder die Tschechoslowakei selbst noch die mit ihr verbündete Sowjetunion. Die reichsdeutsche Außenpolitik wusste das Mittel einer fragwürdigen „pax germanica“, bei gleichzeitiger Kriegsandrohung im Falle der Nichtunterzeichnung, erfolgreich einzusetzen. Dem italienischen Diktator Mussolini, Moderator des Abkommens, waren die Absichten zur Zerstörung der Tschechoslowakei bereits vor dem 29. September 1938 bekannt. Hitlers Pläne sahen bis zum Treffen in München vor, die Tschechoslowakei in einem gemeinsamen Feldzug gegen Ungarn und Polen zu überfallen.

Den notwendigen Freiraum sollte eine Stärkung der revisionistischen Kräfte in diesen Staaten und eine Ablenkungstaktik gegenüber den Garantiemächten eröffnen. Dass Hitler dabei mit verdeckten Karten spielte, demonstrierte sein Verhalten während eines Gesprächs am 15. September 1938 auf dem Obersalzberg: Hitler verweigerte dem britischen Premierminister die Übergabe des Protokolls. Stattdessen erhielt Chamberlain eine gekürzte Fassung, aus der alle kompromittierenden und bewussten Falsch Darstellungen heraus retuschiert wurden.

Die bei den Verhandlungen eintreffende Nachricht von der Mobilmachung der tschechoslowakischen Truppen war inszenierter Theaterdonner, der dennoch einen Wendepunkt markierte. Den fehlenden „Zwischenkieferknochen“ in der Geschichte Hitlerdeutschlands liefert General Dr. Hans Emil Speidel in seinem 1949 erschienenen Buch "Invasion 1944". Es ist die durch gewichtige Indizien gestützte These, dass die NS-Diktatur nach fünf Jahren hätte beendet werden können und Hitler in jenen Tagen zu stoppen gewesen wäre. Dem gegenüber stand zunächst einmal der Nebel eines Wahns, der auf weitem Feld bloße Phantasiebilder als objektive Tatbestände erscheinen ließ. „Der düsteren politischen Lage entsprach die militärische […] Hitler und Goebbels nutzten massenpsychologische Momente geschickt aus und erstrebten den ‚revolutionären Militarismus‘. Das Ergebnis, daß ein Teil der Offiziere, berauscht von napoleonischen Wunschträumen, ‚Funktionäre‘ wurden [...]“, schreibt Speidel in der Invasion 1944.

Dabei räumt er ein, dass sämtlich alle militärischen Führer und Persönlichkeiten „Kinder ihrer Zeit“ waren, die „nicht alles sahen, was sie erkennen mußten“. Das ist wahr und ging doch auch anders, wie wir am Beispiel von Greta Kuckhoff und ihren Mitstreitern sehen können. Andererseits beschreibt Speidel in seinem Buch eine Bewegung innerhalb der Wehrmacht unter Generaloberst Ludwig Beck, die besonders im Jahr 1938 erfolglos versuchte, dem „zum äußersten entschlossenen Staatsoberhaupt Einhalt zu gebieten“. Die Armeestruktur unter Beck wollte den Führer nach seiner Rückkehr aus München verhaften. Doch eben dazu sollte es nicht kommen. Im Fazit von Speidel heißt es: „Der außenpolitische Erfolg Hitlers in München, zu dem ihm die Alliierten verholfen hatten, schlug Beck und seinem Nachfolger Halder die Waffen aus der Hand.“

Appeasement und Desinformation

Die als Sprachlehrerin und Übersetzerin tätige Greta Kuckhoff reiste im Sommer 1938, beauftragt von der Gruppe Harnack-Boysen, nach London. Sie sollte gegen das Münchner Abkommen agitieren und mächtige Verbündete finden. Auch dieser Versuch scheiterte. Die Beschwichtigungspolitik (Appeasement) dominierte auf der Insel und verhinderte eine ausreichende Bereitschaft zum Widerspruch gegen das nationalsozialistische Deutschland. Die massenwirksame Erklärung des Premierministers Chamberlain, die er am 30. September 1938, dem Tag der Unterzeichnung, vom Balkon des Buckingham Palastes an die britische Nation richtete, enthielt das berühmte Credo „Peace for our Time“, das sich nur ein Jahr später als schlimmer Irrtum herausstellte.

Wie weitreichend und erfolgreich Hitlers Desinformatoren die Welt in Atem hielten, belegt das brachiale Scheitern des sowjetischen Volkskommissars für Staatssicherheit, Wsewolod Nikolajewitsch Merkulow. Als Merkulow Stalin am 17. Juni 1941 „einen alarmierenden Vermerk“ vorlegt „über Vorbereitungen Deutschlands für einen Krieg gegen die Sowjetunion“, erhält er eine Abfuhr. Stalin hält den echten Informanten für einen Desinformator. Fünf Tage später erfährt er die Tragik seines Fehlschlusses. Am 22. Juni 1941 griffen deutsche Truppen die Sowjetunion an.

Der von Stalin geschmähte Informant war Harro Schulze-Boysen, ein Offizier im Reichsluftfahrtministerium. Er wusste wie wenige andere von dem bevorstehenden Einmarsch und beschloss, gemeinsam mit anderen deutschen Widerständlern, die sowjetische Seite zu warnen. Kuckhoffs knappe Bemerkung in ihrer memorierenden Erzählung „‚Ules Welt‘“, während des kurzen Besuches in London habe ihr Walt Disneys „Schneewittchen“ „ein funkelnagelneues Kinderherz neben das versorgte und grämende in die Brust gezaubert“, ist dabei von einiger Bedeutung (BArch N 2506/198 Bl. 145). Bei ihrer Rückkehr wird sie von Arvid Harnack, einem Kopf der Gruppe, gerügt, denn sie hätte mit ihrem Kinobesuch nur wichtige Zeit für die Agitation verschwendet.

Harnack war ein an der US-amerikanischen Universität Wisconsin in Madison ausgebildeter Nationalökonom und Vetter des Berliner Pfarrers Dietrich Bonhoeffer. Seine Ehefrau, Mildred Fish, war gebürtige US-Amerikanerin und studierte Literaturwissenschaftlerin. Greta Kuckhoff besuchte, noch unter ihrem Geburtsnamen Margaretha Lorke, ebenfalls die Universität in Madison, wo sie ihr 1924 an der Berliner Humboldt-Universität begonnenes und in Würzburg fortgesetztes Studium der Philosophie, Soziologie und Ökonomie im Jahr 1929 abschloss. Mildred und Arvid Harnack lernte sie im freitags tagenden „Friday Niters Club“ kennen.

Die Jahre 1930 bis 1932 lebte Kuckhoff in Zürich und arbeitete sowohl für einen Rechtsanwalt als auch als freischaffende Sprachtrainerin und Übersetzerin im Bereich Wirtschaftsrecht. Zurück in Deutschland wurde sie Sekretärin des Soziologen Karl Mannheim am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Danach studierte sie kurzzeitig an der London School of Economics. Hauptsächlich aber bereitete sie die Flucht Mannheims vor, dessen Institut von den Nazis bereits im März 1933 geschlossen wurde. Im selben Jahr lernte sie den Schriftsteller Adam Kuckhoff kennen, sie heiraten am 28. August 1933. Ihr Sohn Ule wurde am 8. Januar 1938 geboren. Auch sein Sohn, mein späterer Jugendfreund, wird einmal Ule heißen.

Foto: Greta Lorke in Zürich, 1932.                                                                                                                            Im Jahr 1937 heiratete sie den Schriftsteller                                                                                                                Adam Kuckhoff (1887– 1943).                                                                                                                                    Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand,                                                                                                              Berlin.

Mein Kampf“ zur Aufklärung übersetzen

In ihrem Memoiren-Roman „Vom Rosenkranz zur Roten Kapelle“ schildert Gretas Mann Adam in einer Passage, was entgegen der Rüge Harnacks steht und warum er „Dichter geworden“ ist. Der nämlich irrt sich, „der denkt, wenn wir erst den Kommunismus haben, kommt das Gefühl für ewige Werte, für Schönheit nicht nur in der Natur, vor allem in den menschlichen Beziehungen, von selbst. Nichts kommt von selbst.“

Die „Rote Kapelle“ setzte sich aus ganz verschiedenen beruflichen Gruppen zusammen. Am Glauben an Literatur und Kunst halten Greta und Adam Kuckhoff auch in ihren Gefängnisbriefen, kurz vor den sicheren Todesurteilen, fest. In jenem „elitären Zirkel aus Kunst, Wissenschaft und Verwaltung“, der das Dritte Reich stürzen und Opfern der Verfolgung helfen will, gerät sie ohne Zweifel durch ihren Ehemann Adam. Aus Sicht des NS-Terrorregimes ist der Kreis lediglich ein Spionagering, den Leopold Trepper, ein polnischer Jude und Kommunist, Widerstandskämpfer und Publizist, im Auftrag des sowjetischen militärischen Nachrichtendienstes (GRU) aufgebaut hat. Es ist folglich auch die Geheime Staatspolizei (Gestapo), die der Widerstandsgruppe den Namen „Rote Kapelle“ verpasst. Rot für die Farbe des Kommunismus. Kapelle als interne Bezeichnung für eine Gruppe von Funkern.

Zu diesem Ring gehören neben den Harnacks der Publizist Harro Schulze- Boysen und seine extravagante Frau Libertas sowie Sophie und John Sieg, ein in Detroit geborener Sohn deutscher Einwanderer, der sich in den 1920er Jahren in Deutschland niederließ und schriftstellerisch aktiv war. Im Jahr 1933 wurde er als KPD-Mitglied für mehrere Monate von der Sturmabteilung (SA) gequält und festgehalten. Sie alle trafen in Berlin immer wieder zusammen: das intellektuelle Paar, das Paar der feinen Gesellschaft, das Pärchen des Proletariats, das Paar der Häuslichkeit. Herausragend ist an der Gruppe, dass Männer und Frauen gleichstark in die Sache des Widerstandes einbezogen sind. Zu ihren Unterstützern gehört der Schriftsteller und Widerständler Günter Weisenborn. Als die Gruppe während des Krieges auffliegt, geschieht das nicht durch Verrat oder Wagemut, sondern aufgrund der Unbedachtheit und Inkompetenz der Geheimdienstler in Moskau, die Namen und Adressen einiger Berliner Mitglieder in einem Funkspruch erwähnen.

Äußerlich war die Vernetzung des Zirkels mit auswärtigen und inländischen Widerstandsgruppen durch einwandfreie Anstellungen in diversen Reichsministerien getarnt. So erhielt Greta Kuckhoff über Schulze-Boysen eine freiberufliche Stelle im Reichsministerium für öffentliche Aufklärung und Propaganda. Ihre Aufträge beinhalten das Übersetzen von Kongressreden, aber auch von Artikeln über die Rassenpolitik der NSDAP.

Das Jahr 1939 beginnt sie in der Hoffnung, die britische Öffentlichkeit über die wahren Absichten Hitlers mit einer selbstständigen Übersetzung von "Mein Kampf" aufzuklären. Erschrocken ist sie vor allem durch die inszenierte Täuschung von Hitlers Desinformationsbüros in Großbritannien. Als ihr eine andere englische Übersetzung im März 1939 zuvorkommt, führt dies in London zu einer denkwürdigen Auseinandersetzung über den Charakter des Nationalsozialismus zwischen dem sowjetischen Botschafter Iwan Michailowitsch Maiski und dem Mitglied des britischen Unterhauses und früheren Premierministers David Lloyd George. In der Debatte mit Maiski verteidigt Lloyd George zunächst den deutschen Reichskanzler vehement.

Die vom Londoner Verlag Hurst & Blackett herausgegebene Übersetzung, für die Hitler selbst das Vorwort schrieb, enthielt allerdings nur ein Siebtel der Originalfassung und wies nirgends auf die Art der Auslassungen hin. Maiski, der das Original kannte, betonte im Streitgespräch die innewohnende Aggressivität des Buches als eine „Bibel des Nazismus“. Hitlers erklärtes Ziel sei die Zerschlagung und Unterwerfung Frankreichs und die Eroberung von sogenanntem Lebensraum im Osten: in Polen, im Baltikum, in der UdSSR und vor allem in der Ukraine.

Foto: Das 1972 publizierte Erinnerungsbuch                                                                                                      von Greta Kuckhoff (1902–1981) erlebte in                                                                                                                der DDR mehrere Auflagen, erschienen im                                                                                                                  Verlag Neues Leben. Quelle: GWS-Archiv

Lloyd George hielt die Kritik für ungerechtfertigt und „hitlerfeindliche Propaganda“. Maiski schickte Lloyd George nach der Unterredung eine neu angefertigte Übersetzung der vorenthaltenen Buchteile. Dieser zeigte sich aber weniger von den Auslassungen erschüttert als vielmehr von der Tatsache, dass dem englischen Leser viele Kapitel unterschlagen wurden, wie im Kuckhoff-Nachlass nachzulesen ist. (BArch N 2506/132 Bl. 45 f.) Nach Greta Kuckhoffs eigenen Bekundungen arbeitete sie wochenlang gemeinsam mit dem englischen Übersetzer James Murphy an einer vollständigen Edition von Mein Kampf. Als Ende 1939 in den USA eine „unbereingte“ Ausgabe erschien, erfährt sie nicht, wie sie in der „Kapelle“ schreibt, ob ihre Arbeit ebenfalls „eingeflossen“ ist. Am 12. September 1942 wurde sie in Berlin durch die Gestapo verhaftet. Was wäre gewesen, wenn ...

Wir können uns dem Jahr 1938 nur kontrafaktisch, entgegen der historischen Tatsachen, annähern. Mit der Einlassung General Speidels, dem verhängnisvollen Treiben Hitlers nach dessen Rückkehr von der Münchner Konferenz durch Verhaftung ein Ende zu machen, wird das Verhängnis der diplomatisch beschlossenen Beschwichtigung gegenüber dem aggressiven Diktator überdeutlich. Die Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ war eine umsichtige und sich solidarisch mit anderen Gruppen verhaltende antitotalitäre Organisation. Das in der DDR verzerrte Bild einer rein kommunistischen Spionagegruppe färbte sich auf die Rezeption in der Bundesrepublik ab.

Die vielfältigen Berichte über die letzten Stunden der zum Tode Verurteilten stellen die anfangs aufgeworfenen Vertrauensfragen neu. Adam und Greta Kuckhoff werden vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Adam wird, wie viele Mitglieder der „Roten Kapelle“, im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet, Gretas Todesurteil in eine zehnjährige Zuchthausstrafe umgewandelt. Der Briefwechsel der Eheleute wird bis zum Tod Adams zur Brücke über dem Abgrund, den die Machthaber aufgerissen haben.

Greta Kuckhoff notiert in ihren nachgelassenen Erinnerungen: „Am 23. August 1943 teilte mir Pfarrer Ohm mit, daß Adam und 11 unserer Frauen am 5. August in Plötzensee hingerichtet worden seien. Ich erwartete nun, daß ich, die einzig Überlebende der mir bekannten Mitglieder der „Roten Kapelle“, den Weg nach Plötzensee in den nächsten Tagen würde antreten müssen. Das gleiche dachten sowohl meine zu Freiheitsstrafen verurteilten Kameradinnen wie der Geistliche und das Gefängnispersonal einschließlich der Leiterin.

Ich erhielt die Genehmigung, in einer Einzelzelle während des Tages meine grundsätzlichen Gedanken, die Erziehung Ules betreffend, niederzuschreiben. Es tat mir wohl, allein sein zu dürfen. Die Niederschrift selbst wurde jedoch nicht vollendet, da die Entwicklung in jenen Wochen so unsicher war, daß sie keine feste Grundlage für meine Erziehungsgedanken bot.“ (BArch N 2506/198 Bl. 102) Im Winter 1943 geht Greta Kuckhoff auf „Transport“ in das Frauenzuchthaus Cottbus. Sie bleibt dort bis zum Herbst 1944 und kommt danach in das Zuchthaus Waldheim, wo sie im Mai 1945 von der Sowjetarmee befreit wird.

Intrige, Wandlitz, Stolperstein

Nach Kriegsende wirkte Kuckhoff in verschiedenen Funktionen und Gremien. Im Oktober 1947 sprach sie auf dem 1. Deutschen Schriftstellerkongress in Berlin. Von 1954 bis 1958 war sie Abgeordnete der Volkskammer, von 1950 bis 1958 Präsidentin der Deutschen Notenbank (DNB). Hier wurde sie offensichtlich Opfer einer Intrige. Als die Bürger der DDR am Sonntag, dem 13. Oktober 1957, via Radiosender vom Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, aufgefordert wurden, dass sie noch am selben Tag, zwischen 12 und 22 Uhr, die alten Banknoten der Deutschen Mark bei den Umtauschstellen der Deutschen Notenbank abzugeben hätten und neue Banknoten erhalten würden, wird Kuckhoff als Präsidentin der Notenbank davon überrascht. Sie war in den Währungsumtausch nicht einbezogen, dennoch muss sie den „Währungscoup“ vor der Presse inhaltlich vertreten. Politisch überlebte sie den Vorgang nicht. Im April 1958 trat sie als Präsidentin der DNB zurück. Im Nachlass findet sich ihr persönlicher Blick auf Hintergründe: „Der Deutschen Notenbank wird der Vorwurf gemacht, daß sie sich über die Regierung stellt oder zumindest möglichst unabhängig von ihr – und damit auch von den Parteibeschlüssen – gestellt sein möchte. Die alten kapitalistischen Reichsbankallüren versucht man aufrecht zu erhalten.

Ich habe Gründe anzunehmen, daß die Hauptargumente zu dieser Meinung von den Genossen des Ministeriums der Finanzen stammen.“ (BArch, N 2506/267, Bl. 281) Nach der politisch motivierten Entbindung aus dieser Position engagierte sie sich im von der SED gesteuerten Friedensrat der DDR – ab 1964 als dessen Vizepräsidentin und zugleich als Mitglied im Weltfriedensrat.

Greta Kuckhoff heiratet nicht wieder. Ab 1946 lebt sie in eheähnlicher Beziehung mit Margarete „Grete“ Wittkowski. Diese bestritt mehrere hohe Staatsämter, unter anderem als stellvertretende Vorsitzende des Ministerrats, zuständig für den Bereich Handel, Versorgung und Konsumgüterproduktion sowie als Stellvertreterin des Vorsitzenden Otto Grotewohl. 1968 folgte Wittkowski ihrer Lebensgefährtin auf den Stuhl als Präsidentin der Notenbank. Im Jahr 1972 erschien "Vom Rosenkranz zur Roten Kapelle", nicht ohne Eingriffe der Zensur. Ein geplantes zweites Erinnerungsbuch, das Kuckhoffs Leben nach 1945 behandeln sollte, kam nicht zustande. Auch eine Residenz in der abgeschotteten Waldsiedlung Wandlitz erhielt Greta Kuckhoff nicht, sondern eine Wohnung am abgelegenen Rande vor dem "Wandlitzer Ghetto" (Wolf Biermann).

2009 erschien mit "Red Orchestra. The Story of the Berlin Underground and the Circle of Friends Who Resisted Hitler" ein neues Standardwerk der US-amerikanischen Journalistin Anne Nelson über die „Rote Kapelle“, 2010 auch in deutscher Übersetzung. Die britische Kulturwissenschaftlerin Joanne Sayner widmete Kuckhoff eine erste umfangreiche Einzelstudie mit dem 2013 publizierten Buch "Reframing Antifascism. Memory, Genre and the Life Writings of Greta Kuckhoff". Im Mai 2012 verlegte der Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein im Gedenken an Greta Kuckhoff in ihrer Geburtsstadt Frankfurt (Oder).


Foto: Premiere des DEFA-Films „KLK an PTX – Die Rote Kapelle“ im Ostberliner Filmtheater „Kosmos“, 25. März 1971. Greta Kuckhoff (M.) bei dem Besuch einer kleinen Ausstellung mit persönlichen Gegenständen von antifaschistischen Widerstandskämpfern im Foyer des Kinos. Neben ihr die Schauspielerin Barbara Adolph (li.), die sie im Film verkörpert, und der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke (re.), dessen Ministerium für den Film „Produktionshilfe“ leistete.

Quelle: Gerbergasse 18 / Ausgabe 4 / 2018: 32-35.

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