Eine leicht gekürzte Fassung wurde von Tabula Rasa Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur geschaltet:
http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_5121/
Da war ich also gestern. Gewissermaßen als Alumnus. Die
Akademie der Künste lud für den gestrigen Abend aktuelle und ehemalige
Döblin-Stipendiaten in den kleinen Saal im vierten Stock am Pariser Platz 4.
Die Stuhlreihen bieten etwa einhundert Gästen Platz und sind restlos besetzt.
Auf dem Podium stellen Luise Boege, Ricoh Gerbl, Boris Preckwitz und Ellen
Wesemüller ihre 2012 im von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Haus in
Wewelsfleth entstandenen Texte vor. In Luise Boeges französisch betiteltem Text,
den weder sie noch der gut aufgelegte Moderator Jörg Feßmann eindeutig
übersetzen kann, stattet ein „öffentlicher Körper“ in der Beschreibung eines
Kapuze tragenden Streuners, der nichts kafkaeskes oder browneskes hat, dafür
aber viel von einem verzweifelten Dealer oder Prostituierten, der Erzählerin
einen Besuch ab. Das heißt, eigentlich will er zum abwesenden Mitbewohner
Dimitri, aber der ist nicht da. Den Dimitri, so stellt es Frau Boege im
anschließenden Gespräch dar, hätte sie sich aus Dostojewskijs "Dämonen"
ausgeliehen, weil sie das Buch gerade gelesen hatte und „auch so was schreiben“
wollte. Merke: Solcher Wille ist des Autors bittre Pille! Dass Frau Boege, jung
an Jahren, geschickt ihren Text zu drehen und zu wenden vermag und ganze Szenen
neu zu ordnen weiß, was sie womöglich bei Lynch beobachtet haben mag, täuscht
nicht darüber hinweg, dass ihr ein eigenes Thema, ein eigenes nachvollziehbares
Interesse an irgendeiner nachvollziehbaren Ungerechtigkeit in dieser Welt, noch
fehlt. Obwohl der „Öffentliche Körper“, etwas kafkaesker, etwas brownesker,
diese Rolle mit Bravour stemmen könnte. Der Blick des Zuhörers vom Kleinen
Saal rüber zur gläsernen goldlichtig illuminierten Reichstagskuppel wäre
in Bezug auf Boeges "Öffentlichen Körper" vielleicht noch zu
erwähnen. Und dass der Rezensent davon überzeugt, dass Frau Boege diese Hürde
auch wirklich noch überwindet. Sie liest mit sicherer Stimme und zeigte
sich schlagfertig gegenüber Moderator Feßmann.
Vor der genannten Hürde steht nach Ansicht des Rezensenten
auch noch Ricoh Gerbl, die von der Bildenden Kunst, zu der sie „über eine Lüge“
gekommen sei, was sie an anderer Stelle einmal äußerte, zur schönen Literatur
spagatierte. Ihre, aus vielen Textpassagen, Textschnipseln und
Alltagsreflexionen und der Darstellung eines Kopfkinos während einer
Selbstbefriedigung bestehenden Textproben, aus ihrem Romanprojekt „Miriam
Wolf – Eine Anpassung“, sind zwar ebenfalls gutgeschrieben und mit Verve
montiert, doch ob da auch ein Roman dabei herauskommt, wurde nicht ersichtlich.
Warum nicht? Vielleicht gerade deshalb, weil sich eine tiefere
(gesellschaftliche) Wahrheit in den ausgewählten Szenen einfach nicht ausmachen
lässt. Ohne diese Tiefe aber kann zwar Roman draufstehen, aber es muss noch
lange kein Roman drin sein. Dies als Anregung für den weiteren Hürdenlauf, der
nun einmal sein muss. Der Rezensent mag Frau Gerbl im Ziel einlaufen sehen. Nun
Boris Preckwitz und Ellen Wesemüller. Ellen Wesemüller las zuletzt, der Rezensent
zieht sie hier im Text vor. Ellen Wesmüller war ihm die liebste. Ellen
Wesemüller ist wohl die erste, die ihren Döblin – Aufenthalt dazu nutzte, das
erlebte Leben oder die „wirkliche Wirklichkeit“ jener drei Monate in
Wewelsfleth in scharf geschnittener feuilletonistischer Manier festzuhalten.
Der Rezensent findet, dass Ellen Wesemüller dazu ein wunderbares Talent hat.
Die auftretenden und ja in wirklich in W. lebenden Protagonist: innen gehen
einem ans Herz und der Rezensent hätte Frau Wesemüller gern noch eine Stunde
zugehört und länger. Das liegt auch daran, weil ersichtlich wurde, dass sich in
W. seit zwanzig Jahren weder an der nordischen selbstbestimmten Höflichkeiten
noch an der nachgiebigen Bockigkeit etwas geändert hat. Und das gefällt er
Ewigkeit - und für die schreiben ja alle. Auch gefallen haben dem Rezensenten
Frau Wesemülles Beobachtungsgabe und ihr Händchen für Verknappung - wann es mit
dem Gesagten eben gut ist. Alles präzise und unglaublich charmant. Das Buch
bitte schnell auf den Tisch! Nun also Boris Preckwitz, über dessen
vorgestellten vier Kapitel aus einem politischen Langgedicht (erschienen in der
Münchner Lyrikedition 2000, anwesend der Herausgeber Florian Voß), es einiges
zu sagen gibt. Erstens: das politische Gedicht fristete in Deutschland seit der
Wiedervereinigung ein Altersdasein in Antiquariaten. Warum das so war, mag an
den erst jetzt einsetzenden Wirkungen der Teilung liegen. Die sich über die
letzten zwei Dekaden erstreckenden Versuche einer Rückeroberung des gemeinsamen
deutschen Nationalgefühls auf kultureller Ebene, verurteilten das politische
Gedicht zur Lebensunfähigkeit. Von Walter von Vogelweide bis zum moderneren
Dreigestirn Wecker-Biermann-Wader gehörten das artifizielle politische Gedicht
- und Liedgut fest zu unserer deutschen Kultur. Als Deutschland 1990 endlich am
Ziel seines Traumes eines einheitlichen Staates angelangt war, verschwand diese
Tradition im Keller. Nun zeigen, ein Vierteljahrhundert nach der Einigung, die
vierzig Jahre Trennung plötzlich ihre Wirkung: der größte Verlust, den
Politiker wie Carlo Schmid am meisten fürchteten, tritt zutage: der Verlust des
gemeinsamen Nationalgefühls – und mehr noch: das schwindende Interesse für den
eigenen Kontinent Europa. Überhaupt überall Interpolationen, die Boris
Preckwitz, in der späten Nachfolge von Georg Herwegh vielleicht, zum
hoch-aktuellen poetischen Appellplatz schleift. Merke: Bitten politisch
verboten!
In seinem kraftvollen Poem „Der schlimmste Feind“ schreibt
Herwegh:
„[...]
Dies Volk, das im gemeinen Kitzel
Der Macht das neue Heil erblickt
Und als 'Erzieher' seine Spitzel
Dem unterjochten 'Brüdern' schickt.
[...]“
Wer sind heute die Brüder und Schwestern in der heutigen
Europäische Union und was ist mit ihnen los? Wie greifen die Zeitschriften die
Wahrheit auf? Wie geht es hinter den geschlossen Türen der Industrie- und
Machtzentralen zu? Türen öffnen scheint die Herausforderung für Wissenschaften
und Künste zu bleiben. Boris Preckwitz hat das gestern Abend eindrucksvoll
zelebriert. Und in diesem Punkt ziehen schließlich auch seine Mitstreiterinnen
Luise Boege und Ricoh Gerbl mit. Ellen Wesemüller aber bleibt dem
Rezensenten die liebste. Und Jörg Feßmann ist ein fescher, sich auf angenehme
Weise nicht in den Vordergrund drängender Moderator.
Der Abend - von moderater Kontur.
Berlin, 13. November 2013 Axel Reitel


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