Montag, 3. März 2014

Buchkritik: Der Mut der Krieger - über das Buch „Mauerkrieger“ bei Ch. Links



Der Mut der Krieger- über das Buch „Mauerkrieger“ bei Ch. Links
Herausgegeben von Ole Giec und Frank Willmann





Im wohl berühmtesten Essay über das Absurde* wird dem Leser die Beantwortung der Frage abverlangt, ob das Leben sich lohnt. Für den Fall der Verneinung bleibt als einzige Konsequenz freilich nur der Selbstmord. Die Selbstmordrate in der DDR war extrem hoch; der Rest (etwa 16 Millionen Bürger) wollte zweifelsfrei ein Leben, das sich lohnt. Und für diesen Willen zum lohnenden Leben hielt der Staat einen strickt zu lobenden wie einzuhaltenden Lebensentwurf parat.


Der Lebensentwurf dieser Sozialutopie nach stalinistischem Muster nannte sich die „Diktatur des Proletariats“. Geschäftsführende Partei dieser Diktatur war die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). Die Partei gebrauchte Losungen wie „Alles für das Wohl des Volkes“. Es wurden Synonyme für die DDR verwendet wie „Arbeiterparadies“. Und damit nie wieder jemand aus einem Paradies vertrieben werden konnte, errichtete der allgegenwärtige SED-Staat am 13. August1961, bei schönstem Sonnenschein, ringsum seine Hauptstadt einen Schutzwall. Wer jetzt fand, dass sich ein Leben in diesem „Paradies“ nun eigentlich nicht mehr lohne, brauchte nur einen Fluchtversuch zu wagen. Die unheiligen Erzengel an den Grenzen dieses Paradieses wurden täglich mit Schießbefehl und scharfer Munition (jedes Magazin 60 Schuss) „vergattert“, die Unbeflecktheit des Schutzwalls zu gewährleisten.


Eine zuverlässige Gesamtzahl der Toten an der innerdeutschen Grenze gibt es bis heute nicht, doch darf gesagt sein, es sind viele. Erschlossen dagegen sind die Tötungen an der Berliner Mauer. Die Zahl ist dreistellig. Beleuchtende Statements nach dem Untergang dieses SED-Staates sind inzwischen Legion. "Die DDR war ein überflüssiges Experiment" ist eines. Es stammt von Dirk Mecklenbeck, einem der „Mauerkrieger ". Diese Bezeichnung fasst eine Gruppe „junger Ausgereister aus der Hallenser Heavy Metal - und Punk-Szene“ zusammen, die „von West-Berlin aus das zunehmende Aufbegehren gegen die politischen Verhältnisse in der DDR unterstützen“ und „Zeichen der Solidarität nach Osten setzen und gegen die Gleichgültigkeit derjenigen protestieren, die sich im Westen mit der Mauer arrangiert“ hatten. Der Klappentext des von den Herausgebern Ole Giec und Frank Willmann sorgfältig zusammengestellten und kommentierten Bandes, „Mauerkrieger.Aktionen gegen die Mauer in West-Berlin 1989“, fokussiert wieder ein faszinierendes Stück Neuland innerhalb der Aufarbeitungsliteratur über die zweite deutsche Diktatur.


Rückblick. „Das realsozialistische Experiment muss weitergehen", stand auf dem Flugblatt eines Westberliner FU - Professors, vorgelegt einer kleinen Runde im „Café Limit“, in der Moabiter Waldstraße, im Herbst '89 , als die Bürger der DDR ihren Staat soeben entmachteten. Die DDR verkaufte Menschen gegen Valuta und wurde immer süchtiger nach diesem Handel. Das kapitalistische Erfolgsrezept, in Investigationen zu investieren, wurde überhaupt nicht verstanden, außer wenn es um Geheimdienste und deren Machenschaften ging. Die Wirtschaft ging den Bach runter. Der Kontrollwahn nahm zu. Für sein Misslingen machte der suchtkranke Staat am Ende das Volk verantwortlich. Das gab es schon einmal, für das eigene Versagen das Volk vorzuschieben: der Mann hieß Hitler, aufgeschrieben wurde es im Bunker, so steht es in dessen Testament. Das Aller-Böseste aber für den SED-Staat war der Westen, die Bundesrepublik, der andere deutsche Teilstaat, der, wie die DDR, nach Hitlers Niederlage entstand, nur eben kapitalistisch orientiert. Dessen Einfluss auf die DDR-Jugend wurde von Polizei und Geheimdienst als größte Gefahr gesehen. Der Westen wurde verboten - und war um so attraktiver. Und nur wer attraktiv ist, gewinnt.


Und mal ehrlich, wo produzierte die "Zone" außer Schlaglöcher mal was Eigenes? DeDeRon? War Perlon. Das ist traurig, aber es gibt keinen Traurigkeitsbonus. Traurig lohnt sich kein Leben. Das Volk der DDR dachte westlich. Die DDR-Bonzen lebten westlich. Und hielten am Westverbot für das Volk fest. Eine Niedertracht mit Folgen. West-Mode und West-Musik dominierten den Osten. Ins Land geschmuggelte Broschüren mit Berichten und Abbildungen des vermeintlichen Lebensgeschmacks der Westjugend hatten Konjunktur. Wer sich das im Osten zu eigen machte, lief nun Gefahr, mit dem kruden Vorwurf des „antisozialistischen Verhaltens“ konfrontiert zu werden und wanderte auch schnell mal in den Knast. Der Staat kriminalisierte, was ihm nicht geheuer war. Das verdeutlichen beeindruckend die im „Мauerkrieger“ - Buch vorgestellten Lebensläufe.


Raik Adam besucht einen evangelischen Kindergarten, anstatt jene auf sozialistische Früherziehung ausgerichtete staatliche Kinderschmiede zu besuchen. Von den Eltern bekommt er das Zwei-Gesichter-System des SED-Staates erklärt: das ehrliche für zu Hause, das schummelnde für die Öffentlichkeit. Zuhause, privat, laufen im im Radio und im Fernsehen nur Westsender. Die Westverwandtschaft schickt zudem reichlich Jeans und T-Shirts. In der Schule spielt einmal ein Lehrer im Vollrausch verbotene Platten der Rolling Stones. Ob die LP's der Rolling Stones in der DDR tatsächlich verboten waren, entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten. Das DDR-Label „Amica“ brachte zumindest 1983 eine Auswahl der bekanntesten frühen Stones-Hits heraus. Auch schickte der Rezensent selbst etliche Plattenpakete mit Stones-Scheiben in den Osten und alle kamen unversehrt bei den Adressaten an. Andererseits hieß der beim RIAS von Osthörern häufigst gewünschte Titel „Street Fighting Man“. Und der RIAS war Feindsender Nummer 1. Und so eine durchaus sympathische Eskapade wie die des betrunkenen Lehrers, konnten im Osten eine Vita frühzeitig dicht machen und eine weitere Karriere ausschließen. Oder man diente sich sich durch noch größeres Anpassen dem SED-Staat. Etwa als Spitzel, der verhasstesten Spezies auf Erden. Für derlei Dienste erweisen sich die vier Helden des Buches als völlig ungeeignet. Sie standen auf Amerikanische Literatur (seit der 1950ger-Generation unangefochtene Nr.1: Jack Kerouacs „On The Road“), gründeten eine eigene Punk-Band, sprühten Graffiti a la „Stell dir vor, es sind Wahlen und keiner geht hin.“ Jeder im Osten wusste, wie der Staat sein eigenes Volk betrog. Aber sagt man das laut, klebten einem schon die Häscher an den Fersen. Die Mehrheit verhielt sich still, noch. Die "Mauerkrieger" gehörten nicht zu dieser Mehrheit.


Heiko Bartsch ist seit den gemeinsamen Tagen im evangelischen Kindergarten Adams Kumpel. Nach der Scheidung der Eltern fällt Bartschs Erziehung größtenteils den Großeltern zu. Der Großvater gehört zu den nach dem Krieg enteigneten Hallenser Unternehmern. 1979 reisen die Großeltern in den Westen auf Besuch und kehren nicht zurück. Nun werden die Freude zur Familie. Auf dem Schwarzmarkt in Polen gekaufte Symbole wie das Victory - Zeichen sind Zaubersymbole und Мutmacher in einem.


Gundor Holesch könnte es besser haben. Für ihn könnte sich ein Leben in der DDR absolut lohnen. Er stammt aus einer Akademikerfamilie, die voll auf Parteilinie liegt und den Haushalt „antiseptisch“ sauber hält. Ab der Grundschule schon zeigt er Interesse fürs Fotografieren, aber eben auch dafür, mit seinen Kumpels „abzuhängen“ (sic). Zudem schwärmt er wie Raik Adam und Heiko Bartsch für Heavy-Metal und Punk. Hinzu kommt sein Faible für westliche Motorräder. Seine Fotomotive findet er auf dem Parkplatz der Autobahnraststätte Köckern, gelegen an der Transitstrecke zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik. Der Verkauf der Fotos findet auf Flohmärkten und unter Freunden statt. Zur Krönung gründet er zusammen mit René Boche eine eigene Band. Punk, versteht sich. No Future, die Pose der Verdammten, ätzende Musik Mehr "auf allem herumtrampeln" ging nicht. Der Staat wartete auf seine Chance zurückzuschlagen.


René Boche wächst ohne Vater auf. Die Mutter ist Journalistin und hat immer wenig Zeit. Von einer Lehre als Fertigungstechniker wird er aus „pädagogischen Gründen“ vom Staat in eine Lehre als Tischler „zwangsumgesetzt“. Während der Ausbildung erhält er finanzielle Unterstützung durch die Mutter. Was im Staat geschieht, gefällt ihm nicht. Er hat andere Pläne und stellt im Jahr 1984 einen Antrag auf Übersiedlung in den Westen. Doch anstatt ihn in den Westen zu entlassen, zieht ihn der Staat in die Armee ein. René Boche leistet seine Grund Wehrdienst und hält das schikanöse Leben in der nationalen Volksarmee (NVA), wie übrigend auch Heiko Bartsch, fest.


Die Walze zur Zerschlagung der Punk-Bewegung in der DDR rollte seit dem Jahr 1980 im großen Maßstab über die DDR hinweg. Immer mehr Spitzel werden in die bunte Szene eingeschleust. Für den Staat musste stets neues Wissen her: Gibt es Kontakte in den Westen zu ähnlichen Gruppierungen? Alle Namen, Äußerungen, Absichten. Nach außen hin soll die DDDR demokratisch dastehen, doch muss der SED-Staat alles in der Hand haben. Das ist die innerste Parole. Wolfgang Leonhard hielt Wortlaut und Herkunft in seinem Buch „Die Revolution frisst ihre Kinder“ fest. Der SED-Staat entzieht den rebellierenden Jugendlichen endgültig sein Vertrauen, als ihm auch noch deren Reisen zu den Montagsgebeten nach Leipzig bekannt wird. Die Nikolaikirche ist dem SED-Staat wie der Westen verhasst. Er reagiert mit dem Einzug der Personalausweise und erteilt den berüchtigten vierblättrigen „PM 12“. Der PM 12 ist sozusagen letzte Warnung und erste Stufe der Kriminalisierung (Niederhaltung) vermeintlich entgegensteuernder Bürger. Wer mit einem PM 12 außerhalb seines Wohnkreises, seiner Stadt, kontrolliert wird, hat schlechte Karten, seinen Weg unbehelligt fortzusetzen. Und den Ausweise bei sich zu führen, ist im SED-Staat Pflicht.


Auslandsfahrten sind mit einem „PM 12“ völlig unmöglich. Das Schild-und Schwert der SED, das Ministerium für Staatssicherheit, wartete auf seine Chance, die Jugendlichen einzubuchten. Und dies ist ihm beinahe auch gelungen.


Als ein weiterer im Bunde, Dirk Mecklenbeck im März 1986 auf Urlaubsfahrt  in die Tschechoslowakei (Tschechien und die Slowakei bildeten damals einen gemeinsamen Staat) an der Grenzübergangsstelle Bad Brambach mit dem Vorwurf auf Vorbereitung zur Flucht (in den Westen) festgenommen wird, hängt an der Stasi-Angel wirklich ein kleiner fetter Fisch.


Denn an jenem Tag wird Dirk Mecklenbeck in Karlovy Vary (Karlsbad) von seinem Cousin Raik Adam erwartet, der wenige Wochen zuvor in den Westen, nach West-Berlin, ausreisen durfte. Bei diesem Treffen will Dirk Mecklenbeck an Raik Adam die Briefe mit Heiko Bartsch NVA-Auszeichnungen übergeben. Sie sollen im Westen veröffentlicht werden. Doch daraus wird nichts. Dirk Mecklenbeck führt die Briefe bei seiner Verhaftung mit sich. Verurteilungen stehen in solchen Fällen bisher außer Frage. Doch nach einer Woche Untersuchungshaft kehrt Dirk Mecklenbeck nach Hause zurück. Wie konnte das geschehen?


Der im Buch abgebildete Auszug eines Vernehmungsprotokolls jener Haft-Woche gibt darauf zumindest die eine Antwort, dass die deutliche Nichtbereitschaft, selbst in dieser ausweglosen Situation, dem SED-Staat Rede und Antwort zu verweigern, sprich auch dann nicht Verrat zu üben, nunmehr den Staat in eine ausweglose Situation versetzte. Die Situation - kippte.


„[...] Frage: Hat ihr Cousin [Raik Adam] ausländische Stellen, Einrichtungen oder Personen im Zusammenhang mit der Durchsetzung seiner Übersiedlungsabsichten nach der BRD eingeschaltet? Antwort: Mein Cousin hat irgendwie entweder weitläufige Verwandtschaft in der BRD und auch zwei seiner ehemaligen Schulfreunde wohnen seit etwa einem Jahr in Westberlin. Ober er aber im Zusammenhang mit der Durchsetzung seiner Übersiedlungsabsichten nach der BRD diese Personen mit einbezogen hat, oder über diese Personen staatliche Stellen der BRD mit einbezog, entzieht sich meinen Kenntnissen. [...]“


Eine weitere Antwort ergibt sich womöglich auch aus der Verunsicherung der SED-Organe, seit dem offiziellen Kurswechsel Gorbatschows. Zwar wurde als äußerstes Zeichen des Nichteinverständnisses mit einer „Perestroika“ (Umgestaltung) in der DDR das beliebte sowjetische Wissensmagazin „Sputnik“ verboten, andererseits wurde auch Heiko Bartsch nicht verhaftet. Vor Gorbatschows war das undenkbar! In der Sowjetunion war ein zweites "Tauwetter" angebrochen und so manche Tabus flogen über Bord. Solschenizyns Meistererzählung über das stalinistische Gulagsystem, „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, wurde gedruckt. In der DDR gab es für den Besitz und/oder die Vervielfältigung des Buches weiterhin einige Jahre Knast.


Das alte DDR-System verharrte in alten Zeiten und zementierte sich. An seine alten Feinde war es gewohnt. Die neuen Feinde aber meldeten erst gar keine Widerspruch an. Ihr eigener, ganz anderer Lebensentwurf war es - der Widerspruch schlechthin. Alles half nichts, keine Änderung in Sicht. Schließlich will der SED-Staat die Jungens leise loswerden. Nach Raik Adam erhielten auch die anderen Freunde die Ausreisepapiere. Sie aus der Staatsbürgerschaft der DDR zu entlassen, war der DDR-Organe innigster Wunsch. Vielleicht. Denn die Bundesrepublik bezahlte auch für dies sogenannten legal Ausgereisten die gleiche Summe, wie für die Freigekauften aus den DDR-Knästen. Pro Kopf fast 100.000 DM. Ein "Gott-sei-Dank und-Schwamm-Drüber“ gibt in dieser Geschichte aber nicht. Für die ausgereisten Hallenser geht der Kampf gegen das DDR-System in West-Berlin erst richtig los.


Radikalisiert durch die (hier nicht weiter wiedergegebenen) Schikanen des DDR-Systems und den Schock über den Jubel in der DDR-Presse über den brutalen Massenmord auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking, werden nun Aktionen gegen die Mauer durchgeführt. Durch die "Mauerkrieger", wie sich die Jugendlichen von nun an nennen, werden mittels Molotow – Cocktails Wachtürme in Brand gesteckt, Grenzzäune nach der Art von Papierschneidearbeiten "verschönert", will sagen: zerstört - und kein Mensch soll und kein Mensch wird dadurch in Gefahr gebracht. Und bald darauf, am 04. November 1989, ist die Mauer auch schon Geschichte. Sicher auch Weltgeschichte.


Alle Hintergrunde und Beweggründe werden von den Herausgebern faktenreich dargestellt. Sie enthalten dem Leser nichts vor. Denn auch Ambivalenz und Teilhabe der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) an den Aktionen in West-Berlin gegen die Mauer werden gründlich erörtert. Das Buch baut sich logisch auf und liest sich wie das Skript eines rasanten Films. Wenn Mut, Engagement und hohes Handwerk Preise gewinnen könnten, dann bitte einmal alle an "Mauerkrieger". Eine herausragende Lektüre.


* Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos, Gallimard 1942


Ole Gic, Frank Willmann (Hg.), Mauerkrieger, Aktionen gegen die Mauer in West-Berlin 1989, Verlag Ch. Links (VÖ: 24. Februar 2014), ISBN: 978-3-86153-788-5, 128 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 14,90 Euro

Quellen (mit jeweils verschiedenen Überschriften):

 03.März 2014 10:34 Weltexpress International: http://www.weltexpress.info/cms/deutsch/news-singleview/archive/2014/03/03/article/die-ddr-war-ein-ueberfluessiges-experiment-rezension-zum-buch-mauerkrieger-im-ch-links-v.html

07.März 2014 Tabula Rasa - Zeitung für Gesellschaft und Kultur:  http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_5380/

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Mittwoch, 26. Februar 2014

Radiofeature: Freigekauft - Die geheimen Geschäfte mit politischen Gefangenen in der DDR

Als deutscher Beitrag nominiert für den Prix Europa 2011: 


Freigekauft   -                                   

Die geheimen Geschäfte mit politischen Gefangenen in der DDR

Von Axel Reitel

Das Konterfei Erich Honeckers hing in der DDR in öffentlichen Gebäuden
Das Konterfei Erich Honeckers hing in der DDR in öffentlichen Gebäuden (niclas | Flickr | cc-by-nc-sa)
In der DDR durfte über den Freikauf politischer Häftlinge durch die Bundesrepublik Deutschland nicht gesprochen werden. Aber auch im Westen war dieses Thema tabu, um die Verhandlungen nicht zu gefährden. Die Abwicklung fiel in das Ressort 'Kirchengeschäfte B'.
Die Verträge unterzeichnete der Präsident des Bundesrechnungshofes höchst persönlich. Die Bezahlung erfolgte teilweise mit Naturalien: mit Mais, Kakao oder Erdöl. Bargeld wurde in einem Köfferchen über die Grenze gebracht.

Der Autor Axel Reitel wurde 1982 nach zweijähriger Haftstrafe freigekauft.


Regie: Henry Bernhard
Mit: Axel Wandtke, Conny Wolter
Ton: Holger König
Produktion: MDR 2010
Länge: 54"23


Axel Reitel, geboren 1961 in Plauen/Vogtland, ging 1982 nach Haft und Freikauf in die BRD, studierte Kunstgeschichte und Philosophie. Seit 2003 freier Autor, lebt in Berlin. Zuletzt: 'Der Walnussbaum hat nicht gestört - Von der Vernichtung dreier Dörfer an der innerdeutschen Grenze' (MDR 2012).

Quelle: http://www.deutschlandradiokultur.de/freigekauft.958.de.html?dram:article_id=221345




BZ 

News aus Berlin

AXEL REITEL

Bekommt Berliner Autor Europa-Preis?

22. Juli 2011 20:40 Uhr, Tomas Kittan | Aktualisiert 20:40Der Charlottenburger Autor Axel Reitel ist mit einem DDR-Feature für den "Prix Europa" nominiert.
Das Feature „Freigekauft - die geheimen Geschäfte mit politischen Gefangenen in der DDR" ist jetzt für den "Prix Europa 2011" nominiert worden. Verfasst wurde es vom Charlottenburger Autor Axel Reitel.
Das Feature erzählt das Schicksal von DDR-Häftlingen, die von der Bundesregierung freigekauft wurden. Mehr als 33.000 waren es zwischen 1962 und 1989. Zu ihnen gehörte auch der Schriftsteller, Liedermacher und Hörfunkautor selbst.
Jahrzehnte nachseinem Freikauf im Jahr 1982 recherchierte Reitel die Hintergründe und Fakten des Häftlingsfreikaufes, interviewte ehemalige Häftlinge und sprach mit Politikern und Vertretern der evangelischen Kirche, die an den damals geheimen Verhandlungen beteiligt waren. Mit seinem Feature beleuchtet der Charlottenburger ein dunkles Kapitel deutsch-deutscher Geschichte.
Um die begehrte Auszeichnung „Bestes europäisches Programm des Jahres“ beim Prix Europa bewerben sich jedes Jahr Sendeanstalten und Produzenten aus zahlreichen Ländern Europas. Europas größtes Festival für Fernsehen, Radio und Online findet in diesem Jahr vom 22. bis 29. Oktober in Berlin statt.

Das Sendemanuskript und viele weitere Details sind nachzulesen in meinem neuen Buch: 


Europa nach 1945, im Herzen das „Trümmermeer“ Deutschland (London Times). Die Sowjetunion installiert für die kommenden fünfundvierzig Jahre ein hermetisches Osteuropa, das keinen Widerspruch duldet. Der Mensch zählt nicht. Westeuropa steuert dagegen. Der Kalte Krieg hält die Welt in Atem. Es geht um Menschen, Jahre und Schicksale, deren Dramatik auf unser Leben nachwirkt. Diese fünf Features sind Versuche, ihren Ort zu bestimmen. INHALT Ein Vorwort von Manfred Wilke (2013) Freigekauft - Die geheimen Geschäfte mit politischen Gefangenen der DDR (2010) Interview zur Sendung des Features Hass auf Heimat (2011) Hass auf Heimat - Die rechte Opposition der DDR (2011) Der Walnussbaum hat nicht gestört - Von der Vernichtung dreier Dörfer an der innerdeutschen Grenze (2012) Wer war Siegfried Heinrichs? - Porträt des ost-westdeutschen Lyrikers und Berliner Verlegers (2012) Verstrahlter Ruhm - Die Liquidatoren von Tschernobyl (2013) Umschlagbild von Hubertus Giebe: "Das Gehäuse" V. (2012), Öl-Leinwand 150x190cm „Allen fünf Features, die hier nun gedruckt vorliegen, ist eines gemeinsam: Sie behandeln Themen, bei denen jedes für sich an eine bedrückend schmerzhafte Geschichte erinnert. Der Autor schreibt gegen das Vergessen dieser Episoden und Personen. Das ist ein Verdienst, das ist sein Verdienst.“ (Prof. Dr. Manfred Wilke)

  • Taschenbuch: 180 Seiten
  • Preis: 14,80 Euro
  • Verlag: Köster Berlin; Auflage: 1 (13. Dezember 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3895748420
  • ISBN-13: 978-3895748424

Mit einem Vorwort von Manfred Wilke (wissenschaftlicher Berater des Films "Das Leben der anderen").

Einfach zu bestellen bei jedem Buchhändler ihres Vertrauens oder auch via amazon.de: 

oder direkt beim Verlag: 


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Sonntag, 16. Februar 2014

OFFENER BRIEF: An Gero von Randow (Die ZEIT)

Offener Brief an Gero von Randow 
 -als Zeit-Leseartikel 11:40 Uhr verschickt-


im DDR-Jugendknast "Frohe Zukunft" in Halle / Saale wurde u.a. für BOSCH zwangsgearbeitet


Betreff: Die Zwangsarbeiter und wir. DDR-Häftlinge produzierten für Westfirmen. Die DKP profitierte von diesem Geschäft. Wen geht das heute noch an? 
DIE ZEIT Nº 07/2014 Aktualisiert 9. Februar 2014 17:56 Uhr  
Den Artikel nachlesen hier (Quelle): http://www.zeit.de/2014/07/dkp-ddr-zwangsarbeiter



                                                                           Berlin, 16.Februar 2014, 12:17 Uhr

                                                                                         

Sehr geehrter Herr von Randow,


ich fühle ich mich durch die Überschrift ihres Artikels angesprochen, da auch ich, wie 33. 000 andere, bis zu meinem Freikauf Zwangsarbeit verrichten musste. In meinem Fall im Zuchthaus Cottbus, Arbeitskommando „Pentacon“, August 1981- Juli 1982.


Ich schrieb darüber in meinem Feature"Freigekauft", enthalten in „Nachtzensur - DDR und Osteuropa zwischen Revolte und Reaktorkatastrophe. Fünf Features" (mit einem Vorwort von Manfred Wilke, Köster-Verlag, 13. Dezember 2013, siehe amazon; das Radio-Feature selbst war von der ARD für den Prix Europa 2011 nominiert). Ich schickte ihnen die PDF des Buches, die Sie, na klar jetzt, in ihrer Antwort-Neujahrs-Mail völlig ignorierten. Ganz anders als Friedrich Dieckmann, der die „Nachtzensur“ von einem langjährigen Freund im Januar 2014 als Buch geschickt bekam und sich postwendend, im privaten (sic) Brief sehr lobend äußerte, vor allem darüber auch, dass er vieles noch gar nicht gewusst habe.


Und weiter? Weiter habe ich die Export-Arbeit von DDR-Gefangenen (speziell im DDR-Jugendknast Halle, hier u.a. für BOSCH ) früh benannt, will sagen das früh publiziert. Doch auch in diesem Fall herrscht bis heute über das Buch "Jugendstrafvollzug in der DDR" (Landesbeauftragte Sachsen-Anhalt 2002, Köster 2006 – und es war das erste zum Thema!) in der ZEIT, ich will es so sagen, organisierte Totenstille. („Wieso denn bloß? Wieso denn bloß?“)


Und wie schrieben Sie mir vor einigen Wochen in einer anderen Mail so überaus vollmundig zurechtweisend, als ich Ihnen meinen Ärger, meine Befürchtung leise kundtat? „Hören Sie, das sind anständige Leute!“ Nichts dagegen. Aber ist diese ihre Selbst-Zerknirschung, dieser scheinbare Abweichlersprung zweier DKP-Häuptlinge, wirklich anständig? Mir bleibt da im Augenblick nur zu sagen: Hören Sie? Ich bin gespannt, wie es mit ihrer "Selbstkritik" in dieser Richtung denn nun weitergeht. Soll ja, schreiben Sie.


Dazu ein kleiner Tipp. Mein Vater. Am Tag nach seiner Übersiedlung sahen wir uns (ich, meine ältere Schwester, ihr Mann) in der schönen Spandauer Wohnung der Schwester im TV die Bob-WM an. Als die DDR-Fahrer am Start waren, sagte mein Vater, einst ein kleines SED-Kreis-Rädchen, zu seinem Schwiegersohn: „Schalt mal um, die aus dem Osten will ich nicht sehen, die sind blöd.“ Darauf mein Schwager: „Aber bis gestern warst du doch selber im Osten noch“. Darauf mein Vater: „Ja, aber jetzt bin ich hier [im Westen], jetzt bin ich nicht mehr blöd“. Sie sind ja nun in der Bundesrepublik, nun endlich auch ihrer Bundesrepublik, angekommen, wie Sie schreiben. Mit „elan“ tausende Leute verarscht, wie Sie, hat mein Vater allerdings nie.


Mit freundlichen Grüßen,


Ihr

Axel Reitel


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Freitag, 14. Februar 2014

Radiofeature: Verstrahlter Ruhm - Die Liquidatoren von Tschernobyl



Verstrahlter Ruhm  Video  http://youtu.be/oo99X1nayv4


Die Liquidatoren von Tschernobyl
Von Axel Reitel

Alle Texte: der Auor

Verstrahlter Ruhm   Die Liquidatoren  von Tschernobyl
Ein Radiofeature von Axel Reitel

Alle Texte: der Autor. 

Übersetzungen: Marina Schubarth, Catharina Bach, Natalja Kutepova

Prolog: 
Das Standbild des Videos (s.o..)zeigt eine Aufnahme des Parkplatzes vor dem Tschernobyl-Museum in Kiew.  Die Kraftfahrzeuge, die auf dem Parkplatz zu sehen sind, waren in Tschernobyl im Einsatz. Foto: Axel Reitel. Kiew 2012

Verlassene Gebäude vor dem Atomkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat an der Grenze zu Weißrussland

Verlassene Gebäude vor dem Atomkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat an der Grenze zu Weißrussland (AP)


Nach dem GAU vom 26. April 1986 wurden insgesamt 800.000 Männer mit Schaufeln versehen und zu den Reaktorblöcken von Tschernobyl geschickt. Sie werden Liquidatoren genannt, da sie im Denken der Verantwortlichen die Folgen der Katastrophe beseitigen. Die ersten wurden geschickt, als der Reaktor noch brannte.
Mit ihren Schaufeln sollten sie das herausgeschleuderte Grafit und sonstige strahlende Brocken in den Krater zurückwerfen. Roboter, die ebenfalls für die Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, blieben einfach stehen, die hohe Strahlenbelastung zerstörte ihre Elektronik.

Den Männern wurde gesagt, sie sollen Wodka trinken, alle zwei Stunden ein Glas. Nur alle drei Monate durfte jeder für ein paar Tage nach Hause. Niemand sagte den Liquidatoren, in welcher Lebensgefahr sie sich befanden.

Zehntausende Liquidatoren sollen an den direkten Folgen ihres Einsatzes gestorben sein. Die meist schwer erkrankten Überlebenden kämpfen heute um finanzielle Beihilfe. Weltweit hieß es nach dem Gau, eine derartige Katastrophe dürfe es nie wieder geben. 25 Jahre später geschah der Supergau in Fukushima.

DLF/MDR 2013

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Sonntag, 9. Februar 2014

Golden Mugge Vol. 13 - Dies' Reich der Freiheit (wünsche ich mir) feat. Christiane Mikoleit (Berlin) und Jay Ottaway (Boston)



Die gute Musik: Meine Musik Vol. 13 

Axel Reitel & collegium novum -  Dies Reich der Freiheit (wünsche ich mir) 


feat.  Christiane Mikoleit (Berlin) and Jay Ottaway (Boston)



Zum Video:
http://www.youtube.com/watch?v=HTLAxL4T2FU

Christiane Mikoleit, Bildquelle:   http://www.christianemikoleit.de/de/pages/01biographie01.html



Jay Ottaway, Bildquelle:  http://www.reverbnation.com/jayottawayband






Axel Reitel & Collegium Novum - Dies "Reich der Freiheit (Wünsche ICH MIR)
Das Lied IST Eine Hymne an die Liebe und ein Druck Freiheit. Die Aufnahme bereitete allen Mitspielern unendlich VIEL FREUDE. Die Fotos zeigen Tweet ua sterben Sopranistin Christiane Mikoleit, Eulenhöhle Songwriter und Gitarristen Jay Ottaway.
Komposition und Text: Axel Reitel
Eigene Credits:
Für Sopran-Solo Höhle-Part: Christiane Mikoleit
Für sterben Sologitarre: Jay Ottaway
Arrangement: Fernand Kenzler, AR
AR: Vocal
Fernand Kenzler: Flügel, Percussion, Bass, Ton-Art
Hintergrund "Der Volkschor":
                   Missi Linz
                   Patrick Matthei
                   Raphael Thieme
                   Heiko Wolff
                   Axel Reitel


Radiofeature des Autors und Liedermachers auf YouTube

Der Tod Meines Bruders - Rekonstruktion eines vermeintlichen Unfalls
http://www.youtube.com/watch?v=wmHs2BFrvkc

Grenzgänger - Kinderprostitution an der deutsch tschechischen Grenze
http://www.youtube.com/watch?v=cfbcgokk78M

Spatensoldaten Wehrersatzdienst in der DDR
http://www.youtube.com/watch?v=TfNbxlCv9L8

Hass Markt auf Heimat - Die rechte Opposition der DDR
http://www.youtube.com/watch?v=0ByUAwf55nI

Weitere Lieder (Rough Mix) von Axel Reitel & Collegium Novum auf YouTube:
Weitere Songs (Rough Mix) von The Band Axel Reitel & Collegium Novum auf Youtube:

ohne anzuklopfen / Jodie feat. Reinhard Fissler
http://www.youtube.com/watch?v=jwx75sNtwVE

Gänseblümchen
http://www.youtube.com/watch?v=YJhBeOqL984

Du bist für mich da
http://www.youtube.com/watch?v=0UstbpMRzss

Die Huren von Ch. (Die Huren von Ch.)
http://www.youtube.com/watch?v=VH7yddvvDqI

Scheinwerfer (In memoriam Jürgen Fuchs)
http://www.youtube.com/watch?v=PecsOTlXEHI

Liebe (in Theresienstadt)
http://www.youtube.com/watch?v=EYVHfJDUN-M

Dunkles Liebeslied
http://www.youtube.com/watch?v=jiSHZ-550-4

Kleine Gymnastik
http://www.youtube.com/watch?v=tJRetnCpsT4

Sieben Tage in der Woche
http://www.youtube.com/watch?v=sFmJynmwH2g

Frei (Rad des Schicksals)
http://www.youtube.com/watch?v=jUlJuF0bl3k

Mekong (Unicorn Insel) feat. Sandro Friedrich
http://www.youtube.com/watch?v=3hJ35hufFYE


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Samstag, 25. Januar 2014

CD-Kritik: Sizer spielen auf "Rope Stretchin" den neuen Blues des Jahrhunderts. Großartig!




                                       Sizer, Rope Stretchin, Hot Rock Records (Membran)

Knapp zusammengefasst:

Zunächst einmal finde ich die Idee, den Vorbildern nicht zwanghaft hinterher zu rennen, sehr gut. Sizer behalten die Text strickt bei, vertonen aber das Dutzend Bluesklassiker kurzerhand neu – und öffnen damit eine neue Tür. Diese CD lässt die Herzen von Blues-und Metall-Fans gleichermaßen höher schlagen. Der Sound ist rauchig, rau und doch klar, jeder Mitspieler ist akkurat zu hören.

It's hard to tell, / when your love's in vain, heißt es in Robert Johnsons berühmten Stück Love in vain. Woraus Sizer im Kontext aber ein modernes, selbstbestimmten Achtung, Baby! erklingen lassen. Nicht nur du hast deine Würde! Diese Haltung zieht sich auch als roter Faden durch diese ganz wunderbare, sehr hörenswerte CD. Fünf Sterne!

In voller Länge:
Der erste Schnee des Winters fiel vor wenigen Tagen, die letzten Tage im Januar 2014 sind angebrochen, und eigentlich hatten wir an Weihnachten und Silvester 2013 das weiß-klirrende Paradies erwartet. An Silvester 2013 hörte ich zum ersten Mal Steve Seitz im urgemütlichen Liliput am Tegeler Weg (Die Schlacht am Tegeler Weg am 4. 11.1968!) mit einer seiner unzähligen Bands und war begeistert. Von seiner bekanntesten Band, The Chicken Hunters, hatte mir mein Kumpel Arnold viel erzählt. 

Die haben sogar schon in Montreux gespielt, hatte Arnold gesagt. Klar, hatte ich gesagt. Im Casino von Montreux rauchte am 4. Dezember 1971 beim Konzert die Anlage von Frank Zappa & The Mothers Of Invention ab. Feuer, hatte Zappa noch gerufen, aber keiner nahm ihn ernst. Deep Purple waren zur Miete in einem zum Casino gehörenden Gebäude („gambling house“) und beobachteten die Rauchschwaden, die über den Genfer See zogen. Soweit zur Entstehung des Welthits Smoke On The Water. 

Irgendwie passt dieses Bild ziemlich gut auf die CD Rope Stretchin von Steve Seitz' aktueller Band Sizer, auf der es von Steve Seitz (Gesang, Gitarre), T.C. Schultz (Bass), Stefan Woicke (Schlagzeug) und Gary Schmalz (Gitarre, Lead-Gitarre), alte Bluesnummern in ganz neuem Gewand zu hören gibt. 

Ein Unternehmen, das ziemlich schief gehen kann, Sizer aber in beeindruckender Weise gelungen ist. Denn diese wunderbare CD lässt die Herzen von Blues- und Metall-Fans gleichermaßen höher schlagen.

Ich finde die Idee, den Vorbildern nicht zwanghaft hinterher zu rennen, jedenfalls sehr gut. Welt-Nummern wie Robert Johnsons Love in Vain, liegen zudem eh als nicht zu toppende Klassiker etwa der Rolling-Stones (Album Led it bleed, 1969 - heute (!) noch, 2014, im Live-Repertoire) in den Ohren. 

Ebenfalls unmöglich, ein eigenes Markenzeichen zu setzen, gilt für den Prototypen des 12-taktigen Blues C.C. Rider von Big Bill Broonzy (1934), der dann 1967 im Beat-Club bestens adaptiert von Eric Burdon & The Animals neu zu Gehör gebracht wurde. Wer da einfach nur noch einmal adaptiert, bleibt unweigerlich auf der Strecke. 

Steve Seitz und Sizer haben es anders angepackt: sie vertonten diese Edelsteine kurzerhand neu – und öffnen damit eine neue Tür. Diese CD lässt die Herzen von Blues-und Metall-Fans gleichermaßen höher schlagen. Der Sound ist rauchig (sic), rau und doch klar, die Instrumente mulmen nicht, jeder Mitspieler ist akkurat zu hören. Streckenweise wird der Beat äußerst hart gespielt, aber so hämmert nun einmal das Leben. 

It's hard to tell, / when your love's in vain, heißt es in Johnsons berühmten Stück. Woraus aber die Stones, ihrer Zeit gemäß, noch ein hoch-motiviertes Liebesleid machten, brausen Sizer heute mit einem modernen, selbstbestimmten Achtung, Baby! auf. Nicht nur du hast deine Würde! 

Diesen uralten Artikel 1 des Blues beherzigen Sizer authentisch wie vorbildhaft. Und diese Haltung zieht sich auch als roter Faden durch diese ganz wunderbare, sehr hörenswerte CD. Jeder Titel von Rope Stretchin ist ein kleiner, funkelnder Edelstein. Verdiente fünf Sterne!

Berlin 21./25. Januar 2014



1. Love In Vain
2. Jailhouse
3. I Never Miss The Sun
4. Rope Stretchin'
5. When I Leave This Town
6. Yonder Come The Blues
7. Straycat Blues
8. Get Ready
9. Rag Mama
10. CC Rider
11. Mama, That's Alright
12. Easy Rider


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Donnerstag, 16. Januar 2014

Buchkritik: Großvater rettet Enkel vor Krake und Menschenjägern - Michael Augustins beachtliche Ostsee-Storys


Die gute Kritik:
Großväter rettet Enkel vor Krake und Menschenjägern
Michael Augustins beachtliche Ostsee-Storys  
oder
Portrait des Künstlers als junger Lachs
33 Prosa-Miniaturen klarsten Wassers
nebst feinsten Collagen
in der Edition – Temmen



Michael Augustin 
Radiomacher (Radio Bremen), 
Zeichner und Dichter
Foto: Jenny Augustin


„Wohin fahren wir denn?“ fragte ich.
Dylan Thomas, Besuch beim Großvater


Es geht an die Ostsee - und zwar mit Michael Augustins Buch „Ostsee- Storys“ - und das für einen sensationellen Preis. „Macht unsere Bücher billiger!“ brüllte einst Kurt Tucholsky den deutschen Verlagshäusern zu. Die Edition - Temmen hat's gehört und drückt den Preis des elektronischen Schmökers (e-book) unter dem eines frisch gezapften Bieres. Für 2, 99 Euro erhält der geneigte Leser 33 Prosa-Miniaturen, und schön gekümmelt und gebommerlundert. („Sauft!“ munterte weiland seine Leser auf als weiser Arzt und Autor der Dr. Francois Rabelais, seines Zeichens Erfinder der die Welt beschreitenden Riesen Gargantua und Pantagruel.)

Michael Augustin selbst ist weithin bekannt als Redakteur und Hörfundsachen-Sammler bei Radio Bremen, der Sender, der immer schon einen Jahrhundertschritt voraus war, Stichwort: Beat-Club.Was es mit Michael Augustins shantyesken Geschichten auf sich hat, soll Inhalt nun der leicht schunkelnden Rezension sein. (Strauss II!- Bittscheen den Walzer „Die Publicisten“, Op. 321!“)

Zunächst-woher der Lachs? Bei James Joyce war es noch das 'Portrait des Künstlers als junger Mann', bei Dylan Thomas wandelte sich das Portrait schon zum 'jungen Dachs', und darauf reimt sich hier nicht nur der 'Lachs': die autobiografischen Geschichten sind so voller Wasser, voller Schiffe und voller Geschichten und Fische, dass dem Rezensenten gar nichts anderes übrig bleibt: „Portrait des Dichters als junger Lachs“ scheint ihm gerade richtig. Zudem ist Michael Augustins Liebe zum Werk von Dylan Thomas der Mehrheit seiner Hörer und Leser bekannt. Und (!) es scheint vor allem in diesen kleinen, feinen Geschichten, wie bei Thomas so oft, und eigentlich immer, die Sonne. Gut.

Zutage tritt dem geneigten Leser nun, gleichwohl mit Historien aufgeladen, ein schöner Reigen nordischer Urtypen, die laden dem Leser nichts über, sondern teilen mit ihm ihre weltgewandten Schätze. Da staunt man nicht, da snackt man, von lauter Snackern umgeben.

Das fängt gleich an mit Käpt'n Kölsch. Bach. Kölschbach, jedenfalls Käpt'n, der, zur Anprobe beim maßschneidernden Lübecker Großvater des Autors sein blaubäreskes Seemannsgarn spinnt, in dem Imagination und Wirklichkeit fließend wechselwirken und die Schreiberling-Fantasie des lauschenden Kindes mit einer Fülle enternder Meeresphantasien bevölkert.

Die zweite Story, „Kraken“, zeigt eindrucksvoll, was im Endeffekt an innerer Freiheit herauskommt, wenn zunächst der schreib-begabte Junge in wirklich Menschenjägern gegenübersteht. Auf sicheren Abstand zwar, doch werden diese grauen Schiffe der DDR-Volksmarine deswegen Kraken genannt, weil sie von Jägern befahren werden, die mit Ferngläsern in den Gewässern nach DDR-Flüchtlingen spähen (jene ostdeutschen Boatpeople), um sie herauszufischen (zu entführen!), zu verhaften, in den Knast zu stecken und später für eine Stange Devisen vom Westen freikaufen zu lassen. (Die DDR brauchte ja ständig Geld. Und: „Die Welt ist ein Geschäft!“ wusste schon Arthur Schopenhauer.) Doch als der nunmehr gestandene Autor, Jahre später, unmittelbar nach dem Untergang des Menschenhandelsstaates auf einer Taxifahrt im Osten ausgerechnet in Gestalt seines Taxiwagenfahrers auf einen jener Menschenjäger trifft, drückt er den Zorn im Herzen nieder und lässt den Ex-Jäger widerspruchslos (oder auch doch noch fassungslos) erzählen. Am Ende der Fahrt hechtet der fromm gewordene Menschenfänger zum Kofferraum und pullt, begeistert vom Travemünder Fahrgast, ein Foto-Album mit Schnappschüssen aus seiner Menschenjadgtrophäenzeit hervor. Der Abschied vollzieht sich mit einem menschlich - allzumenschlichen „Ahoi!“ Ça ira...Michael Augustin ist Dichter und kein Richter.

Im Prosa-Ständchen „Sand“ fällt dem Rezensenten sofort das Wort "Muschelkalk" ins Auge: Ringelnatz nämlich hat so seine Asta [Nielsen] auf Ostsee-Postkarten gegrüßt. In den wenigen fein- ziselierten Zeilen der Story aber geht es nun um erste gut begründete Zweifel. Und wer die nie hatte, taugt zum Filosofieren sowieso nie nich' nimmer.

In der einsichtsvollen Miniatur „Auf dem Eis“ können alle Papis lernen, was sie ihrem Kinde, um deren Blick nicht einzutrüben, niemals gar nie erzählen dürfen (13 Zeilen in
zwei Absätzen, ab in jedes Schulbuch!).

Wie ein Knabe seinen englischen Sprachschatz in einem kurzen Moment "verjubelt" und darüber auch noch (verstehe, verstehe) ganz glücklich, ist "Auf dem Leuchtfeld" nachzulesen.

Um Sprachbarrieren geht es natürlich in "Sprachbarrieren". Wir alle lieben Großmütter! Und wir alle lieben "Sandtorte" und wir alle lieben "Marzipantorte". Gar keine Frage.

Um "Scholle, Dorsch und Knurrhahn" und drum, wie eine Möwe eine Angel fängt, geht es in in "Petri Heil! Petri Dank. "

„Lebensgefahr" beschwört Lübecks Steilküste herauf und erklärt, warum man da oben nicht so blindlings weit an die "Kante" treten sollte: fiel doch ein blindlings verliebtes Liebespaar einst kopfüber von da oben herunter. Das es dennoch zum Happy End kam und wieso denn nur, sollte gelesen werden.

In „Der Vater von Markus“, flieht der Autor als kleiner junger Junge am Travemünder Strand Hals über Kopf zu seinem Vater, immerhin einem Polizisten, weil ihn sein Kumpel Markus dauernd in den Ohren liegt, sein Vater sei der größte, der gehöre nämlich zu den „Berufskommunisten!“ Die Zeit: "Anfang der sechziger Jahre" und "selbst im Juli" herrschte Kalter Krieg. Anwesend, "ein paar Meter weiter in seinem Strandkorb", der Komponist Karl-Heinz-Stockhausen.

In jenen Jahren hieß Absurdistan noch „Priwall“, vom Autor beschrieben als "das wohl absurdeste Stück deutsch-deutscher Grenze", festgehalten in "Nackedunien". Mecklenburgische Landzunge, aber zu Lübeck zählend, Travemünde gegenüber: Grenz- und Sperranlage der Deutschen Demokratischen Republik, aus den Dünen kommend, quer über den feinen Sandstrand hinein ins kühle Nass der Ostsee, wo die Linie dann durch einige dümpelnde Bojen bis ins tiefere Wasser fortgesetzt wurde.Von den Wachtürmen [DDR-Terminus = BT=Beobachtungsturm] nehmen Grenzsoldaten den Nacktbadestrand West ins Visier, dessen Ausdehnung nach Westen hin ein breites Stacheldrahthandtuch Einhalt gebieten soll. Nur wenige Meter voneinander entfernt also: nackt badende Wessis gegen bis zum obersten Knopf des Klassenstandpunktes zugeknöpfter Grenzkompanie - Ossis. Alles bei guter Sicht und immer bei "heftigster Sonnenbestrahlung".

Sei kein Fisch! "Morgen beißen sie bestimmt!" prophezeit in der Prosa "Lachs" der Großvater dem Enkel, denn in der Tat: ein riesiger Lachs wird gefangen. Den heimsen am Ende zwar andere ein, doch denkt der Autor Jahre später noch gern an das großartige Lachen seines Großvaters zurück und wird darüber selber zum Lachs (sic) und schluckt den süßen Köder der Erinnerung.

So - und woher rührt nun eigentlich der "Salzgehalt der Ostsee"? Wer kennt noch jene verzauberte Kaffeemühle, die, weil der Besitzer (natürlich ein Seeräuber!) den Zauberspruch vergessen hat, das Salz unaufhörlich fließen lässt. Diesen Alzheimer-Effekt kennen wir von Goethes Zauberlehrling, Stichwort „Besen, Besen ...“ und von Hauffs Kalif Storch, Stichwort hier: "Mutabor", Was dieser Mythos mit dem sehr realen, sehr berühmten 20. Juli 1966 zu tun hat, ist nachzulesen in "Salz".

Wer weiß übrigens was ein "Pilker" ist? "Schweißgebadet, klitschnass, als hätte man mich gerade aus dem Meer gezogen", schließt die Geschichte "Wasserleiche".

Und wer hatte es am Strand nicht auch schon mal auf Fundstücke wie "Donnerkeile" abgesehen? Diese Dinger stammen von sogenannten Belemniten, urzeitlichen Tintenfischen, die „vor hundert oder zweihundert Millionen Jahren gelebt haben." Zweihundert hatte der Autor seinerzeit zu Hause in der Schublade, das sind zweihundert gelebte Leben. Die Tragödie dieser Geschichte aber sind "Tausende von Toten". Das waren Passagiere der Schiffe, darunter das KZ-Schiff Kap Arcona, die „draußen in der Bucht... im Mai 1945, als der Krieg noch nicht ganz zu Ende war“, durch mutwillige und
irrtümliche Bombardierungen ums Leben kamen.

Schweigeminute.

In "Flaschenpost" wird (einmal mehr vom Großvater) der Weg eine reiner real empfangenen Flaschenpost von Prag nach Travemünde nachgezeichnet. Wer aber schickte die Flasche einst auf Reisen? Ausgerechnet in den Tagebüchern Franz Kafkas findet der Autor einen aufschlussreichen Hinweis.

Zusammengefasst "Unter Segeln", "Wikinger", "Die Pamir", "Der U-Boot-Pastor". Viermal geht es durchweg um Schiffe, auch um ein Kirchschiff, und immer sind es Untergänge (oder fast!) In einer dieser Geschichten taucht der argentinische Weltpoet Jorge Luis Borges sein Gesicht in die Ostsee, „ in der Nähe von Schleswig, dort, wo die Schlei sich zum Meer hin öffnet“, und deklamiert ein Gedicht über die Wikinger.

Der Dichter Michael Augustin versteht sich auf die überraschenden wiewohl schönen, dichten und packenden Momente (dazu gehören übrigens auch seine fein ziselierten kongenialen Collagen).

Hier könnte schon Schluss sein und es wäre schon ein wunderschönes Büchlein. Doch legt uns der Künstler noch ein Dutzend frischer Lachse oben drauf.

In "I Feel Fine", klar die Beatles, reitet der Autor auf dem berühmten Intro hinauf auf die Bühne der Carnegie Hall und gesellt sich zu den FAB-Four - warum ihn die Beatles aber schließlich nicht mehr mitspielen lassen, muss der geneigte Leser selbst erfahren.

Eine ähnliche Bewandtnis hat es übrigens mit den Kinks in "Dedicated Followers", nur eine Buchseite weiter und nur "eine halbe Stunde“ von einem beachtlichen Weltrekord entfernt.

Dann wird es etwas unappetitlich aber es muss, es muss, es muss sein und es ist gut so, dass er Autor festhielt, was ihm "Frau Voigt" – „1891 in dem kleinen Badeort Misdroy zur Welt gekommen“ - vom „turbulenten und brutale Ende des Zweiten Weltkrieges“ erzählt hat. Sie „überlebte“ wie tausende andere jüngere und ältere Frauen die Vergewaltigungen durch Soldaten der eingerückten Regimenter der Sowjetarmee (nicht Rote Armee, das ist falsch, denn Stalin hat diese Armee während des Vormarsches auf Deutschland ausdrücklich von Rote Armee in Sowjetarmee umbenannt. Er hatte dafür seinen eigenen strategischen Grund. Gehörte der Terminus 'Rote Armee' der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges an, sollte der Titel 'Sowjetarmee' (auf den sowjetischen Schulterstücken 'CA') die neue Weltmacht präsentieren. Doch schließt Augustin die Miniatur mit dem Wort Hoffnung ab. August 1982. Der Autor im Zug mit Alfred Anderschs 'Sansibar oder der Letzte Grund'. Der Autor: "Ein Boot, in das sich Menschen ducken, sich in viel zu großer Zahl unter der Plane verbergen, Menschen, die einen Grund gefunden haben, einen ersten, einen zweiten und einen letzten, ihrem bisher gelebten Leben den Rücken zu kehren und nun voller Hoffnung..."

Die Hoffnung nach dem Krieg hieß ein neues demokratisches Deutschland. Doch wie wurde (wie wird!) diese Hoffnung von den Deutschen gelebt? Dies ist zugleich der Hintergrund der kleinen, feinen Ostsee- Storys von Michael Augustin. Five Points!

Zutage tritt dies auch in den abschließenden zehn Minidramen „Totentanz", "Der Blödmann aus Hamburg", "Meerjungfrauen", "Dackel royal", "Ikke Inger", "Schweden", "Begegnung in Riga", "Buch-Befreiung in Flensburg", "Wie die Ostsee macht" und "Das Meer".

Krieg, Kalter Krieg, die Sanfte Revolution (oder auch „Wende“ genannt) und ihre Folgen sind trotz des omnipräsenten Seewindes immer spürbar. Und mit vielen weiteren welterfahrenen Seelen blickt der Leser immer weiter aufs Meer [der Geschichte]. Auf „Das Meer, das Meer, das voller Wasser ist, und voller Fische.“ Ein Lachs kommt selten allein.

Michael Augustin, Ostsee - Storys, Edition Temmen, e-book, 102 Seiten mit 33 Prosa-Miniaturen und 22 Collagen des Autors, für 2,99 Euro.


Vielen Dank und bleiben Sie dran!

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