Der Mut der Krieger- über das Buch „Mauerkrieger“ bei Ch. Links
Herausgegeben von Ole Giec und Frank Willmann
Im wohl berühmtesten Essay über das Absurde* wird dem
Leser die Beantwortung der Frage abverlangt, ob das Leben sich lohnt.
Für den Fall der Verneinung bleibt als einzige Konsequenz freilich
nur der Selbstmord. Die Selbstmordrate in der DDR war extrem hoch;
der Rest (etwa 16 Millionen Bürger) wollte zweifelsfrei ein Leben,
das sich lohnt. Und für diesen Willen zum lohnenden Leben hielt der
Staat einen strickt zu lobenden wie einzuhaltenden Lebensentwurf
parat.
Der Lebensentwurf dieser Sozialutopie nach
stalinistischem Muster nannte sich die „Diktatur des Proletariats“.
Geschäftsführende Partei dieser Diktatur war die Sozialistische
Einheitspartei Deutschlands (SED). Die Partei gebrauchte Losungen wie
„Alles für das Wohl des Volkes“. Es wurden Synonyme für die DDR
verwendet wie „Arbeiterparadies“. Und damit nie wieder jemand aus
einem Paradies vertrieben werden konnte, errichtete der
allgegenwärtige SED-Staat am 13. August1961, bei schönstem
Sonnenschein, ringsum seine Hauptstadt einen Schutzwall. Wer jetzt fand, dass sich ein Leben in diesem
„Paradies“ nun eigentlich nicht mehr lohne, brauchte nur einen
Fluchtversuch zu wagen. Die unheiligen Erzengel an den Grenzen dieses Paradieses wurden täglich mit Schießbefehl und scharfer Munition
(jedes Magazin 60 Schuss) „vergattert“, die Unbeflecktheit des
Schutzwalls zu gewährleisten.
Eine zuverlässige Gesamtzahl der Toten an der
innerdeutschen Grenze gibt es bis heute nicht, doch darf gesagt
sein, es sind viele. Erschlossen dagegen sind die Tötungen an der
Berliner Mauer. Die Zahl ist dreistellig. Beleuchtende Statements
nach dem Untergang dieses SED-Staates sind inzwischen Legion. "Die
DDR war ein überflüssiges Experiment" ist eines. Es stammt von
Dirk Mecklenbeck, einem der „Mauerkrieger ". Diese Bezeichnung
fasst eine Gruppe „junger Ausgereister aus der Hallenser Heavy
Metal - und Punk-Szene“ zusammen, die „von West-Berlin aus das
zunehmende Aufbegehren gegen die politischen Verhältnisse in der DDR
unterstützen“ und „Zeichen der Solidarität nach Osten setzen
und gegen die Gleichgültigkeit derjenigen protestieren, die sich im
Westen mit der Mauer arrangiert“ hatten. Der Klappentext des von
den Herausgebern Ole Giec und Frank Willmann sorgfältig
zusammengestellten und kommentierten Bandes, „Mauerkrieger.Aktionen
gegen die Mauer in West-Berlin 1989“, fokussiert wieder ein
faszinierendes Stück Neuland innerhalb der Aufarbeitungsliteratur
über die zweite deutsche Diktatur.
Rückblick. „Das realsozialistische Experiment muss
weitergehen", stand auf dem Flugblatt eines Westberliner FU -
Professors, vorgelegt einer kleinen Runde im „Café Limit“, in
der Moabiter Waldstraße, im Herbst '89 , als die Bürger der DDR
ihren Staat soeben entmachteten. Die DDR verkaufte Menschen gegen
Valuta und wurde immer süchtiger nach diesem Handel. Das
kapitalistische Erfolgsrezept, in Investigationen zu investieren,
wurde überhaupt nicht verstanden, außer wenn es um Geheimdienste
und deren Machenschaften ging. Die Wirtschaft ging den Bach runter.
Der Kontrollwahn nahm zu. Für sein Misslingen machte der suchtkranke
Staat am Ende das Volk verantwortlich. Das gab es schon einmal, für
das eigene Versagen das Volk vorzuschieben: der Mann hieß Hitler,
aufgeschrieben wurde es im Bunker, so steht es in dessen Testament. Das
Aller-Böseste aber für den SED-Staat war der Westen, die
Bundesrepublik, der andere deutsche Teilstaat, der, wie die DDR, nach
Hitlers Niederlage entstand, nur eben kapitalistisch orientiert.
Dessen Einfluss auf die DDR-Jugend wurde von Polizei und Geheimdienst
als größte Gefahr gesehen. Der Westen wurde verboten - und war um
so attraktiver. Und nur wer attraktiv ist, gewinnt.
Und mal ehrlich, wo produzierte die "Zone"
außer Schlaglöcher mal was Eigenes? DeDeRon? War Perlon. Das ist
traurig, aber es gibt keinen Traurigkeitsbonus. Traurig lohnt sich
kein Leben. Das Volk der DDR dachte westlich. Die DDR-Bonzen lebten
westlich. Und hielten am Westverbot für das Volk fest. Eine
Niedertracht mit Folgen. West-Mode und West-Musik dominierten den
Osten. Ins Land geschmuggelte Broschüren mit Berichten und
Abbildungen des vermeintlichen Lebensgeschmacks der Westjugend hatten
Konjunktur. Wer sich das im Osten zu eigen machte, lief nun Gefahr,
mit dem kruden Vorwurf des „antisozialistischen Verhaltens“
konfrontiert zu werden und wanderte auch schnell mal in den Knast.
Der Staat kriminalisierte, was ihm nicht geheuer war. Das
verdeutlichen beeindruckend die im „
Мauerkrieger“
- Buch vorgestellten Lebensläufe.
Raik Adam besucht einen evangelischen Kindergarten,
anstatt jene auf sozialistische Früherziehung ausgerichtete
staatliche Kinderschmiede zu besuchen. Von den Eltern bekommt er das
Zwei-Gesichter-System des SED-Staates erklärt: das ehrliche für zu
Hause, das schummelnde für die Öffentlichkeit. Zuhause, privat,
laufen im im Radio und im Fernsehen nur Westsender. Die
Westverwandtschaft schickt zudem reichlich Jeans und T-Shirts. In der
Schule spielt einmal ein Lehrer im Vollrausch verbotene Platten der
Rolling Stones. Ob die LP's der Rolling Stones in der DDR tatsächlich
verboten waren, entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten. Das
DDR-Label „Amica“ brachte zumindest 1983 eine Auswahl der
bekanntesten frühen Stones-Hits heraus. Auch schickte der Rezensent
selbst etliche Plattenpakete mit Stones-Scheiben in den Osten und
alle kamen unversehrt bei den Adressaten an. Andererseits hieß der
beim RIAS von Osthörern häufigst gewünschte Titel „Street
Fighting Man“. Und der RIAS war Feindsender Nummer 1. Und so eine
durchaus sympathische Eskapade wie die des betrunkenen Lehrers,
konnten im Osten eine Vita frühzeitig dicht machen und eine weitere
Karriere ausschließen. Oder man diente sich sich durch noch größeres
Anpassen dem SED-Staat. Etwa als Spitzel, der verhasstesten Spezies
auf Erden. Für derlei Dienste erweisen sich die vier Helden des
Buches als völlig ungeeignet. Sie standen auf Amerikanische
Literatur (seit der 1950ger-Generation unangefochtene Nr.1: Jack
Kerouacs „On The Road“), gründeten eine eigene Punk-Band,
sprühten Graffiti a la „Stell dir vor, es sind Wahlen und keiner
geht hin.“ Jeder im Osten wusste, wie der Staat sein eigenes Volk
betrog. Aber sagt man das laut, klebten einem schon die Häscher an
den Fersen. Die Mehrheit verhielt sich still, noch. Die
"Mauerkrieger" gehörten nicht zu dieser Mehrheit.
Heiko Bartsch ist seit den gemeinsamen Tagen im
evangelischen Kindergarten Adams Kumpel. Nach der Scheidung der
Eltern fällt Bartschs Erziehung größtenteils den Großeltern zu.
Der Großvater gehört zu den nach dem Krieg enteigneten Hallenser
Unternehmern. 1979 reisen die Großeltern in den Westen auf Besuch
und kehren nicht zurück. Nun werden die Freude zur Familie. Auf dem
Schwarzmarkt in Polen gekaufte Symbole wie das Victory - Zeichen
sind Zaubersymbole und
Мutmacher
in einem.
Gundor Holesch
könnte es besser haben. Für ihn könnte sich ein Leben in
der DDR absolut lohnen. Er stammt aus einer Akademikerfamilie, die
voll auf Parteilinie liegt und den Haushalt „antiseptisch“ sauber
hält. Ab der Grundschule schon zeigt er Interesse fürs
Fotografieren, aber eben auch dafür, mit seinen Kumpels „abzuhängen“
(sic). Zudem schwärmt er wie Raik Adam und Heiko Bartsch für
Heavy-Metal und Punk. Hinzu kommt sein Faible für westliche
Motorräder. Seine Fotomotive findet er auf dem Parkplatz der
Autobahnraststätte Köckern, gelegen an der Transitstrecke zwischen
West-Berlin und der Bundesrepublik. Der Verkauf der Fotos findet auf
Flohmärkten und unter Freunden statt. Zur Krönung gründet er
zusammen mit René Boche eine eigene Band. Punk, versteht sich. No
Future, die Pose der Verdammten, ätzende Musik Mehr "auf allem
herumtrampeln" ging nicht. Der Staat wartete auf seine Chance
zurückzuschlagen.
René Boche wächst ohne Vater auf. Die Mutter ist
Journalistin und hat immer wenig Zeit. Von einer Lehre als
Fertigungstechniker wird er aus „pädagogischen Gründen“ vom
Staat in eine Lehre als Tischler „zwangsumgesetzt“. Während der
Ausbildung erhält er finanzielle Unterstützung durch die Mutter.
Was im Staat geschieht, gefällt ihm nicht. Er hat andere Pläne und
stellt im Jahr 1984 einen Antrag auf Übersiedlung in den Westen.
Doch anstatt ihn in den Westen zu entlassen, zieht ihn der Staat in
die Armee ein. René Boche leistet seine Grund Wehrdienst und hält
das schikanöse Leben in der nationalen Volksarmee (NVA), wie
übrigend auch Heiko Bartsch, fest.
Die Walze zur Zerschlagung der Punk-Bewegung in der
DDR rollte seit dem Jahr 1980 im großen Maßstab über die DDR
hinweg. Immer mehr Spitzel werden in die bunte Szene eingeschleust.
Für den Staat musste stets neues Wissen her: Gibt es Kontakte in den
Westen zu ähnlichen Gruppierungen? Alle Namen, Äußerungen,
Absichten. Nach außen hin soll die DDDR demokratisch dastehen, doch
muss der SED-Staat alles in der Hand haben. Das ist die innerste
Parole. Wolfgang Leonhard hielt Wortlaut und Herkunft in seinem Buch
„Die Revolution frisst ihre Kinder“ fest. Der SED-Staat entzieht
den rebellierenden Jugendlichen endgültig sein Vertrauen, als ihm
auch noch deren Reisen zu den Montagsgebeten nach Leipzig bekannt
wird. Die Nikolaikirche ist dem SED-Staat wie der Westen verhasst. Er
reagiert mit dem Einzug der Personalausweise und erteilt den
berüchtigten vierblättrigen „PM 12“. Der PM 12 ist sozusagen
letzte Warnung und erste Stufe der Kriminalisierung (Niederhaltung)
vermeintlich entgegensteuernder Bürger. Wer mit einem PM 12
außerhalb seines Wohnkreises, seiner Stadt, kontrolliert wird, hat
schlechte Karten, seinen Weg unbehelligt fortzusetzen. Und den
Ausweise bei sich zu führen, ist im SED-Staat Pflicht.
Auslandsfahrten sind mit einem „PM 12“ völlig
unmöglich. Das Schild-und Schwert der SED, das Ministerium für
Staatssicherheit, wartete auf seine Chance, die Jugendlichen
einzubuchten. Und dies ist ihm beinahe auch gelungen.
Als ein weiterer im Bunde, Dirk Mecklenbeck im März 1986 auf Urlaubsfahrt in die Tschechoslowakei (Tschechien und die Slowakei bildeten damals einen gemeinsamen Staat) an der Grenzübergangsstelle Bad Brambach mit dem
Vorwurf auf Vorbereitung zur Flucht (in den Westen) festgenommen
wird, hängt an der Stasi-Angel wirklich ein kleiner fetter Fisch.
Denn an jenem Tag wird Dirk Mecklenbeck in Karlovy Vary (Karlsbad) von seinem Cousin Raik Adam erwartet, der wenige
Wochen zuvor in den Westen, nach West-Berlin, ausreisen durfte. Bei
diesem Treffen will Dirk Mecklenbeck an Raik Adam die Briefe mit
Heiko Bartsch NVA-Auszeichnungen übergeben. Sie sollen im Westen
veröffentlicht werden. Doch daraus wird nichts. Dirk Mecklenbeck führt die Briefe bei seiner Verhaftung mit sich. Verurteilungen
stehen in solchen Fällen bisher außer Frage. Doch nach einer Woche
Untersuchungshaft kehrt Dirk Mecklenbeck nach Hause zurück.
Wie konnte das geschehen?
Der im Buch abgebildete Auszug eines
Vernehmungsprotokolls jener Haft-Woche gibt darauf zumindest die eine
Antwort, dass die deutliche Nichtbereitschaft, selbst in dieser
ausweglosen Situation, dem SED-Staat Rede und Antwort zu verweigern,
sprich auch dann nicht Verrat zu üben, nunmehr den Staat
in eine ausweglose Situation versetzte. Die Situation - kippte.
„[...] Frage: Hat ihr Cousin [Raik Adam]
ausländische Stellen, Einrichtungen oder Personen im Zusammenhang
mit der Durchsetzung seiner Übersiedlungsabsichten nach der BRD
eingeschaltet? Antwort: Mein Cousin hat irgendwie entweder
weitläufige Verwandtschaft in der BRD und auch zwei seiner
ehemaligen Schulfreunde wohnen seit etwa einem Jahr in Westberlin.
Ober er aber im Zusammenhang mit der Durchsetzung seiner
Übersiedlungsabsichten nach der BRD diese Personen mit einbezogen
hat, oder über diese Personen staatliche Stellen der BRD mit
einbezog, entzieht sich meinen Kenntnissen. [...]“
Eine weitere Antwort ergibt sich womöglich auch aus
der Verunsicherung der SED-Organe, seit dem offiziellen Kurswechsel
Gorbatschows. Zwar wurde als äußerstes Zeichen des
Nichteinverständnisses mit einer „Perestroika“ (Umgestaltung) in
der DDR das beliebte sowjetische Wissensmagazin „Sputnik“
verboten, andererseits wurde auch Heiko Bartsch nicht verhaftet. Vor
Gorbatschows war das undenkbar! In der Sowjetunion war ein zweites
"Tauwetter" angebrochen und so manche Tabus flogen über
Bord. Solschenizyns Meistererzählung über das stalinistische
Gulagsystem, „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, wurde
gedruckt. In der DDR gab es für den Besitz und/oder die
Vervielfältigung des Buches weiterhin einige Jahre Knast.
Das alte DDR-System verharrte in alten Zeiten und
zementierte sich. An seine alten Feinde war es gewohnt. Die neuen
Feinde aber meldeten erst gar keine Widerspruch an. Ihr eigener, ganz
anderer Lebensentwurf war es - der Widerspruch schlechthin. Alles
half nichts, keine Änderung in Sicht. Schließlich will der
SED-Staat die Jungens leise loswerden. Nach Raik Adam erhielten auch
die anderen Freunde die Ausreisepapiere. Sie aus der
Staatsbürgerschaft der DDR zu entlassen, war der DDR-Organe
innigster Wunsch. Vielleicht. Denn die Bundesrepublik bezahlte auch
für dies sogenannten legal Ausgereisten die gleiche Summe, wie für
die Freigekauften aus den DDR-Knästen. Pro Kopf fast 100.000 DM. Ein
"Gott-sei-Dank und-Schwamm-Drüber“ gibt in dieser Geschichte
aber nicht. Für die ausgereisten Hallenser geht der Kampf gegen das
DDR-System in West-Berlin erst richtig los.
Radikalisiert durch die (hier nicht weiter
wiedergegebenen) Schikanen des DDR-Systems und den Schock über den
Jubel in der DDR-Presse über den brutalen Massenmord auf dem Platz
des himmlischen Friedens in Peking, werden nun Aktionen gegen die
Mauer durchgeführt. Durch die "Mauerkrieger", wie sich die
Jugendlichen von nun an nennen, werden mittels Molotow – Cocktails
Wachtürme in Brand gesteckt, Grenzzäune nach der Art von
Papierschneidearbeiten "verschönert", will sagen: zerstört
- und kein Mensch soll und kein Mensch wird dadurch in Gefahr
gebracht. Und bald darauf, am 04. November 1989, ist die Mauer auch
schon Geschichte. Sicher auch Weltgeschichte.
Alle Hintergrunde und Beweggründe werden von den
Herausgebern faktenreich dargestellt. Sie enthalten dem Leser nichts
vor. Denn auch Ambivalenz und Teilhabe der Internationalen
Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) an den Aktionen in
West-Berlin gegen die Mauer werden gründlich erörtert. Das Buch
baut sich logisch auf und liest sich wie das Skript eines rasanten
Films. Wenn Mut, Engagement und hohes Handwerk Preise gewinnen
könnten, dann bitte einmal alle an "Mauerkrieger". Eine
herausragende Lektüre.
* Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos, Gallimard 1942
Ole Gic, Frank Willmann (Hg.), Mauerkrieger,
Aktionen gegen die Mauer in West-Berlin 1989, Verlag Ch. Links (VÖ:
24. Februar 2014), ISBN: 978-3-86153-788-5, 128 Seiten, zahlreiche
Abbildungen, 14,90 Euro
Quellen (mit jeweils verschiedenen Überschriften):
03.März 2014 10:34 Weltexpress International:
http://www.weltexpress.info/cms/deutsch/news-singleview/archive/2014/03/03/article/die-ddr-war-ein-ueberfluessiges-experiment-rezension-zum-buch-mauerkrieger-im-ch-links-v.html
07.März 2014 Tabula Rasa - Zeitung für Gesellschaft und Kultur:
http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_5380/
Vielen Dank und bleiben Sie dran!